In Österreich herrscht ein regelrechtes Professoren-Wirrwarr. Wer die heimische Titelkultur betrachtet, verliert schnell den Überblick. die Bezeichnung „Professor“ wird für völlig unterschiedliche Lebenswelten verwendet. Am Gymnasium spricht man Lehrer seit Jahrzehnten mit „Herr Professor“ an, ein prominenter Dirigent erhält den Berufstitel „Professor“ als staatliche Auszeichnung und Fachhochschulen nennen erfahrene Praktiker ebenfalls Professoren.
Wer da den Überblick verliert, dem sei verziehen. Eine einheitliche Zahl, wie viele Professoren es in Österreich gibt, existiert nämlich nicht. An den öffentlichen Universitäten arbeiten laut Statistik Austria im Studienjahr 2024/25 3.257 Professorinnen und Professoren. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Zieht man die Lehre an Privatuniversitäten (5.480) und Fachhochschulen (14.846) hinzu, verschieben sich die Größenordnungen massiv.
Selbst eine vorsichtige Rechnung zeigt, in Österreich führen weit über 10.000 Menschen den Professorentitel. Bei rund neun Millionen Einwohnern bedeutet das: Rund jeder 900. Österreicher trägt ein „Prof.“ vor dem Namen. Der Titel ist damit längst dem engen Kreis der Spitzenforschung vorbehalten. Er ist im Alltag angekommen, auf Türschildern, Visitenkarten und Konzertankündigungen.
An öffentlichen Universitäten hat der Titel eine klare Funktion. Wer etwa von der Universität Wien berufen wird, durchläuft ein strenges, internationales Auswahlverfahren. Die „Berufung“ folgt klaren Regeln: Nach einer weltweiten Ausschreibung bewertet eine Fachkommission die wissenschaftliche Exzellenz, die Liste der Publikationen und die Lehrerfahrung. Die besten Kandidaten werden zu einem „Hearing“ geladen, einer Art öffentlicher Probelvorlesung vor Fachkollegen und Studierenden. Erst dann führt der Rektor überhaupt die Verhandlungen über die Ausstattung des Lehrstuhls. Hier ist der Professor eine geschützte Position für wissenschaftliche Topkräfte.
Ganz anders sieht es an Fachhochschulen aus. Dort holen Einrichtungen gezielt Praktiker aus der Wirtschaft, etwa einen erfahrenen Manager oder Ingenieur und geben ihm den Professorentitel, auch wenn seine Arbeit stärker in der Lehre als in der Forschung liegt. Noch freier gehen Privatuniversitäten vor. Sie legen selbst fest, wen sie zum Professor ernennen. Entscheidend ist meist, dass die Person fachlich anerkannt ist, wie genau das definiert wird, unterscheidet sich von Institution zu Institution.
Und dann gibt es noch das Kuriosum des staatlichen Berufstitels. Der Bundespräsident verleiht ihn auf Vorschlag der zuständigen Ministerien an Künstler oder Kulturschaffende für „hervorragende Verdienste“. Udo Jürgens war Professor, Karl Merkatz auch. Sie sind nur zwei von aktuell rund 1.500 Kulturschaffenden, die diesen Titel als Ehrenbekundung der Republik verliehen bekommen haben. Eine Auszeichnung, die mit akademischer Lehre oft gar nichts zu tun hat.
Unser Nachbarland Deutschland ist deutlich weniger titelsüchtig. Wie bei so vielem, sind die Deutschen auch im Umgang mit dem Titel nüchterner. Laut Statistischem Bundesamt arbeiten dort 52.078 Professorinnen und Professoren an Hochschulen, bei rund 84 Millionen Einwohnern. Das entspricht etwa einem Professor auf 1.600 Einwohner, eine deutlich geringere Dichte als in Österreich.
Den Titel trägt nur, wer tatsächlich eine Professur innehat, also eine klar definierte Stelle an einer Universität oder Fachhochschule. Ein Schauspieler, Musiker oder Lehrer würde sich nicht als „Professor“ vorstellen. Auch der Privatdozent ist in Deutschland stärker verbreitet als in Österreich und verweist auf die Trennung zwischen wissenschaftlicher Qualifikation und Professur.
Besonders kontrovers ist die Entwicklung in der Schule. Mit dem neuen Lehrerdienstrecht 2015 wurde die Praxis ausgeweitet. Seitdem wird der Titel „Professor“ auch für alle neu eintretenden Pädagogen verwendet, unabhängig vom Schultyp. Zuvor war diese Bezeichnung im Regelfall Lehrenden der AHS und BHS vorbehalten.
Während Befürworter von einer überfälligen Anerkennung in Zeiten des Lehrermangels sprechen, sehen Kritiker darin lediglich das nächste Kapitel im uferlosen österreichischen Titelkult. Anstatt echte Verbesserungen bei Gehalt oder Arbeitsbedingungen zu schaffen, flüchtet sich das System in die Symbolpolitik.
Im österreichischen Berufsleben zählt der Titel zunehmend mehr als die tatsächliche Leistung. Der Satz „Der Titel ist die halbe Miete“ zeigt genau dieses Problem: Anerkennung entsteht durch die Bezeichnung, nicht unbedingt durch Qualifikation. Wird der Professorentitel jedoch immer willkührlicher gebraucht, verliert er seinen Anspruch auf Exzellenz und wird zum bloßen Statussymbol, wodurch die eigentliche Leistung in den Hintergrund rückt.
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