2025 war kein leichtes Jahr für heimische Unternehmen. Erst die 47 Millionen Euro-Insolvenz des Wäschehändlers Palmers, bei der rund fünfzig Filialen mit mehr als hundert Dienstnehmern schließen musste, dann die Milliardenpleite des Motorradherstellers KTM, die als eine der größten Firmeninsolvenzen Österreichs gilt. Berichte von Sanierungsverfahren und Eigentümerwechsel änderten nichts an der wachsenden Verunsicherung in der Wirtschaft. Nun bestätigt die deutsche Wirtschaftsauskunftei und Gläubigerschutzorganisation Creditreform die düsteren Entwicklungen: Nicht nur Österreich, sondern nahezu alle Staaten Westeuropas verzeichneten zuletzt deutliche Anstiege bei den Firmeninsolvenzen. Der aktuelle Wert markiere den höchsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2002, erklärte Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Creditreform.
Damit liegt das westeuropäische Insolvenzniveau mittlerweile höher als nach der Finanzkrise 2008/2009. In den EU-14-Staaten sowie Norwegen, der Schweiz und Großbritannien lag die Zahl der Firmenpleiten mit 197.610 Fällen um 4,8 Prozent über dem Vorjahresniveau. Seit 2020 habe sich eine „neue Realität“ mit verschärften Wettbewerbsbedingungen und zunehmenden internationalen Konflikten etabliert. Steigende Energiepreise und sinkende Exportquoten erschwerten die Lage für Unternehmen in Westeuropa zusätzlich. Die zahlreichen Krisen der vergangenen Jahre würden sich mittlerweile überlagern und verdichten, so Hantzsch. Das Ergebnis sei eine „strukturelle Krise“.
Die meisten westeuropäischen Länder verzeichneten 2025 einen Zuwachs an Unternehmensinsolvenzen. Am stärksten betroffen waren die Schweiz mit 35,3 Prozent, Griechenland mit 24,4 Prozent, Finnland mit 12,1 Prozent und Deutschland mit 8,8 Prozent. Die Schweiz zeigt hierbei einen Sonderfall, da sie mit 1.1.2025 eine Gesetzesänderung einführte, wodurch staatliche Unternehmen viel schneller einen Konkurs betreiben, wie Hantzsch erklärte. Die neuen Regelungen zielen darauf ab, den Schutz von Gläubigern zu verbessern und missbräuchliche Konkurse zu bekämpfen.
Nach Branchen: Vor allem Dienstleister sind betroffen. In Westeuropa stieg die Zahl der Insolvenzen in diesem Sektor um 8,7 Prozent. Im Handel, einschließlich Gastgewerbe, registrierte Creditreform um drei Prozent mehr Fälle. „Verbraucher lassen das Geld in der Tasche“, sagte Hantzsch. Auch das verarbeitende Gewerbe verzeichnete einen Anstieg um 3,6 Prozent. Im Baugewerbe blieben die Insolvenzen mit einem Plus von 0,1 Prozent nahezu stabil, nachdem 2024 noch ein deutlicher Zuwachs von 15,3 Prozent gemeldet worden war. Es gibt unter den westeuropäischen Ländern allerdings auch rühmliche Ausnahmen: Niederlande, Irland und Norwegen registrierten einen Rückgang der Insolvenzen.
Aber wie sieht die Situation hierzulande aus? Im ersten Quartal 2026 gingen die österreichischen Insolvenzen um 2,1 Prozent leicht zurück. 2025 lag Österreich mit einem Anstieg von 4,5 Prozent im europäischen Mittelfeld, die Firmenpleiten stiegen von 6.693 im Jahr 2024 auf 6.982. Das Rekordhoch aufgrund der Finanzkrise im Jahr 2009 ist aber trotz dem vierten jährlichen Anstieg in Folge noch nicht erreicht. Am stärksten betroffen waren im Vorjahr mit 52,7 Prozent der Dienstleistungssektor. Für das Gesamtjahr rechnet Creditreform-Chef Gerhard Weinhofer mit einer weiteren Entspannung und weniger als 6.800 Firmenpleiten. Die Unternehmen hätten gelernt mit Krisen zu leben, erklärte Weinhofer.
Besonders angespannt ist aber die Ertragslage der Unternehmen: Mit einem Saldo von minus 41 Prozent sei die Situation „katastrophal“, sagte Weinhofer. Vielen Betrieben gehe zunehmend die Liquidität aus. Gleichzeitig verschlechtert sich auch die Eigenkapitalausstattung. Nur noch 40,8 Prozent der Unternehmen verfügen über eine Eigenkapitalquote von mehr als dreißig Prozent, während mittlerweile bereits jedes fünfte Unternehmen als unterkapitalisiert gilt. Die Investitionsbereitschaft der Unternehmen bleibt auf einem historisch niedrigen Niveau. Nur noch 31 Prozent der Betriebe planen derzeit Investitionen, der zweitschlechteste Wert seit Beginn der Erhebungen im Jahr 1996. Zudem wollen rund zwei Drittel davon lediglich Ersatzinvestitionen tätigen, während Erweiterungsinvestitionen ausbleiben, so Weinhofer.
Trotz des leichten Rückgangs bei den österreichischen Unternehmensinsolvenzen im ersten Quartal 2026 sieht Karl-Heinz Götze, Leiter der Insolvenzabteilung des Kreditschutzverband von 1870, noch keine echte Entspannung. „Der Wert ist so marginal niedriger, dass man nicht von einer Trendumkehr sprechen kann“, sagt er gegenüber campus a. „Die Insolvenzzahlen sind sehr hoch und ist ein sehr schwieriges Marktumfeld, aber es gab schon schwierigere Zeiten.“ Als aussagekräftigsten Maßstab bezeichnet Götze die Insolvenzquote, also die Zahl der Insolvenzen im Verhältnis zu den wirtschaftsrelevanten Unternehmen. Die liege derzeit bei rund 1,3 bis 1,4 Prozent. In den Krisenjahren 2007 und 2008 habe die Quote hingegen rund zwei Prozent betragen. Damals gab es aber deutlich weniger wirtschaftsrelevante Unternehmen als heute.
Besonders aufmerksam beobachtet Götze die geopolitische Entwicklung im Nahen Osten. Eine weitere Eskalation im Iran könnte massive Auswirkungen auf Energie- und Treibstoffpreise haben. Zwar würden Wirtschaftsforscher derzeit leichte Aufwärtssignale prognostizieren, „aber wie groß der Nahost-Dämpfer sein wird, muss sich erst herausstellen,“ so Götze.
Wichtig sei ein Aufschwung vor allem in der Baubranche, die für Österreich ein zentraler Wirtschaftsmotor sei. Dort seien zuletzt erste leichte Verbesserungen sichtbar geworden. Die Zahl der Insolvenzen steige weniger stark als in anderen Branchen, zudem gebe es mehr Baubewilligungen, auch wenn das Niveau insgesamt weiterhin niedrig sei. „Ich habe erst gestern erfahren, dass die Zahl der Baustellen gestiegen ist“, so Götze.
Gemeinsam mit Handel und Gastronomie zählt die Baubranche zu den drei Sektoren mit den meisten Insolvenzen. Rund die Hälfte aller Firmenpleiten Österreichs entfällt laut Götze auf diese Bereiche. Im Handel sei die Zahl der Insolvenzen zuletzt zurückgegangen, gleichzeitig würden dort derzeit die meisten neuen Unternehmen gegründet. Anders sehe es in der Gastronomie aus: Dort steigen die Insolvenzen weiter an. Die Branche kämpfe mit hohen Kosten, Personalmangel und dem „berühmten Gasthaussterben“ in strukturschwachen Regionen. Gleichzeitig beobachtet Götze vor allem in Städten eine hohe Dynamik: „Sperrt ein Gasthaus zu, sperren zwei wieder auf.“
Kritisch sieht Götze auch Fälle, in denen Unternehmen nicht einmal mehr die rund 4.000 Euro Verfahrenskosten für eine Insolvenz aufbringen können. In solchen Fällen sollte aus seiner Sicht ein Insolvenzverwalter eingesetzt werden, um die Unterlagen genauer zu prüfen. Häufig seien staatliche Stellen wie Finanzamt oder Sozialversicherung die größten Gläubiger. „Da müsste man zuerst Geld in die Hand nehmen, um das abzusichern und würde dann oft mehr zurückbekommen“, sagt er. Ein Fonds zur Finanzierung solcher Verfahren sei deswegen eine wirtschaftspolitische Überlegung wert.
Anders beurteilt Götze Fälle von GmbHs oder Aktiengesellschaften, bei denen offensichtlich keinerlei Vermögen mehr vorhanden sei. Wenn Richter klar erkennen, dass „nichts da ist“, sollen sie kein Verfahren eröffnen. Vermuten sie hingegen noch vorhandene Vermögenswerte, sollen sie ein Insolvenzverfahren durchführen.
Deutliche Unterschiede zeigen sich derzeit zwischen den Bundesländern. Während Vorarlberg im ersten Quartal 2026 einen Anstieg der Insolvenzen um 41,5 Prozent verzeichnete, ging die Zahl in Salzburg um 29,2 Prozent zurück. Für Götze sind diese Unterschiede vor allem statistisch erklärbar. In Vorarlberg habe es bis Oktober vergangenen Jahres außergewöhnlich wenige Insolvenzen gegeben, seither sei dort ein deutlicher Nachholeffekt sichtbar. In Salzburg sei die Situation umgekehrt gewesen: Dort habe es bereits im Vorjahr vergleichsweise viele Insolvenzen gegeben, weshalb heuer weniger Fälle nachgekommen seien. In Wien würden solche Schwankungen aufgrund der insgesamt deutlich höheren Fallzahlen „gar nicht auffallen“.
Von einer nachhaltigen positiven Trendwende würde Götze erst sprechen, wenn es dauerhaft mehr Unternehmensgründungen als Schließungen und Liquidierungen gibt. Im vergangenen Jahr habe es hier bereits ein positives Signal gegeben: „Es gab mehr Eröffnungen als Schließungen inklusive Insolvenzen, das heißt es gibt immer noch Menschen, die trotz der schwierigen Umstände an ihr Unternehmen oder ihre Idee glauben.“
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