campus a: Während der nun geplatzten Koalitionsverhandlungen zwischen Blau und Schwarz war die Medienpolitik der FPÖ ein großes Thema. Wie hätte sie damit die österreichische Medienlandschaft verändert, und was würde passieren, wenn sie eines Tages doch noch an die Macht kommt?
Florian Gasser: Die FPÖ hat sich in den vergangenen 15 Jahren eine Art paralleles Medienuniversum aufgebaut. Sie kann ihre Botschaften selbst verbreiten und betrachtet andere Medien als weniger notwendig. Den ORF will sie schwächen, wenn nicht sogar in seiner jetzigen Form zerstören. Sie will ihn de facto zum Staatsfunk machen und Journalisten zu Mikrofonständern degradieren. Gleichzeitig geht es um die Medienförderung. Die ist unerlässlich, um in einem kleinen Land wie Österreich Medienvielfalt zu erhalten. Doch sie ist zu gering, die Verteilung ist ungerecht und die Medien sind zu stark von Inseraten der öffentlichen Hand abhängig. Eine FPÖ-geführte Regierung könnte sich das zunutze machen und viele Medien wirtschaftlich stark treffen. Auch bleibt die Frage, welche Medien unter einem blauen Bundeskanzler weiterhin Zugang zu Informationen und Interviews erhalten würden.
campus a: Haben der ORF und die anderen klassischen Medien Fehler im Umgang mit der FPÖ gemacht?
Florian Gasser: Es gibt keine Form von richtigem Umgang mit ihr. Der ORF ist natürlich nicht sakrosankt. Dort passieren auch Fehler, aber unter dem Strich ist er ein sehr seriöses Medium, das mit der nötigen Äquidistanz berichtet. Wenn jemand wie Herbert Kickl allerdings Unsinn sagt, ist der Sender entsprechend kritisch, so wie bei anderen Politikern auch. Die FPÖ hatte jedoch Vorteile. Wenn sich Wochenmagazine früher überlegt haben, welches Titelbild sie nehmen sollen, haben sie sich am ehesten für Jörg Haider entschieden, weil das gut für die Auflage war. Das war wahrscheinlich ein Fehler.
campus a: Ist der ORF seiner Verantwortung als öffentlich-rechtlicher Sender nachgekommen, auch die FPÖ-Positionen hinlänglich darzustellen? Hat er nicht ausgerechnet mit dem Verlassen der journalistischen Position der Äquidistanz die FPÖ stark gemacht?
Florian Gasser: Ich teile die Beobachtung überhaupt nicht und finde schon, dass der ORF eine Äquidistanz wahrt. Und er bildet natürlich die Positionen der FPÖ ab. Es ist ja auch nicht die Aufgabe von Journalisten, einen Aufstieg zu verhindern, sondern zu berichten und aufzuklären.
campus a: Braucht der ORF eine politische Reform, damit er den FPÖ-Wählern nicht mehr das Gefühl gibt, dass da etwas nicht stimmt?
Florian Gasser: Dass zum Beispiel in den Landesstudios nach wie vor die Landeshauptleute mitreden, gehört genauso überarbeitet wie die Besetzung des Stiftungsrates. Ich bin völlig einverstanden damit, dass beim ORF überhaupt einiges reformiert gehört. Aber man muss ihn nicht zerstören oder auf eine Rumpfversion zurechtstutzen. Es gibt reihenweise und internationale Untersuchungen über den Wert von öffentlich-rechtlichen Medien für Demokratien, denn Wähler sind durch sie besser informiert. Ob die FPÖ ein Interesse an gut informierten Bürgern hat, kann man allerdings infrage stellen.
campus a: Die FPÖ beklagt sich jedenfalls seit Jahren über ungerechte Behandlung durch die Medien. Ist das wirklich nur eine bewusst gewählte Opferrolle?
Florian Gasser: Natürlich ist eine Opferrolle immer praktisch. Unter Jörg Haider war das nicht anders. Auch er hat die Medien beschimpft und gleichzeitig mit ihnen gespielt. Er war noch darauf angewiesen, dass der ORF und andere über ihn berichten. Das ist Herbert Kickl nicht mehr im gleichen Ausmaß, aber das Spiel „Die lügen und erzählen euch Unwahrheiten über uns“ ist ganz das alte. Die FPÖ schafft damit ein Wir-Bewusstsein unter ihren Anhängern. Wir gegen die Eliten. Überall, wo Populisten am Werk sind, funktioniert das so, auch in den USA.
campus a: Im Grunde war es dann aus Sicht der FPÖ eine kluge Strategie, sich einfach ein eigenes Medienimperium aufzubauen.
Florian Gasser: Das war sogar sehr klug, nur hat es mit Journalismus nichts zu tun. Das ist eine Dauerwerbesendung.
campus a: Warum ist die FPÖ in den sozialen Medien so viel erfolgreicher als andere Parteien?
Florian Gasser: Wenn die FPÖ etwas Provokantes postet, empören sich die einen darüber und die anderen fühlen sich bestätigt. Natürlich funktioniert das. Sie hat es ehrlich gesagt aber auch geschickt und gut gemacht. Und viel Geld dafür ausgegeben.
campus a: Wäre es also vielleicht sinnvoller gewesen, die FPÖ inhaltlich ernster zu nehmen, statt sie auszugrenzen?
Florian Gasser: Ausgrenzung war das doch nur aus Sicht der FPÖ. Die österreichische politische Landschaft ist fast ein heliozentrisches System, das sich nur an der FPÖ abarbeitet. Bei manchen Aussagen müssen Journalisten nachfragen, auch mehrfach, und begleitend dazu erklären, welches Verständnis von Demokratie dahintersteckt. Mag sein, dass die Nachfragen im Fall der FPÖ manchmal härter waren. Das liegt aber an den Positionen, die sie eingenommen hat.
campus a: Der renommierte Journalist Hans Rauscher meinte, die FPÖ sei vor allem deshalb so stark, weil die anderen Parteien so schwach seien, auch in den sozialen Medien.
Florian Gasser: Würde das stimmen, dann hieße das, dass die anderen Parteien, welche das auch immer sein mögen, in allen europäischen Ländern zu schwach sind. Die Rechtspopulisten steigen ja überall auf. Wenn ich eine Antwort auf Ihre Frage hätte, was die anderen Parteien hätten machen müssen, wäre ich ein hoch bezahlter Politikberater. Ich weiß es ganz einfach nicht.
campus a: Und wie ist es in deutschen Medien? Sind sie anders mit der AfD umgegangen als die österreichischen Medien mit der FPÖ? Die AfD bezeichnet die FPÖ in einigen Punkten ja als strategisches Vorbild.
Florian Gasser: Die AfD hat die FPÖ in vielen Bereichen immer als Vorbild gesehen, auch in dem, wie die FPÖ ihr mediales Paralleluniversum aufgebaut hat. Die AfD hat mit Abstrichen inzwischen auch eins.
campus a: In einem kleinen Land wie Österreich scheint es ein besonders ausgeprägtes Naheverhältnis zwischen Politik und Medien zu geben. Ist das bedenklich? Lässt sich da etwas verbessern? Sehen Sie da einen Unterschied zu Deutschland?
Florian Gasser: Ich glaube schon, dass es in Deutschland mehr Bewusstsein dafür gibt, was noch okay ist und was nicht mehr, und dass in Österreich bei manchen einiges von diesem Bewusstsein verloren gegangen ist. Dabei ist die Größe eines Landes kein Maßstab für seine Unanständigkeit. Die Chatnachrichten von Thomas Schmid, die ein Bild dieser Verhältnisse in Österreich gezeichnet haben, waren ein Zufallsfund und wir wissen nicht, was es da womöglich noch alles gibt. Wir können es den Menschen deshalb auch nicht verübeln, wenn sie traditionellen Medien gegenüber skeptisch sind. Wir müssen uns ihr Vertrauen ständig neu erarbeiten. Da waren wir in den vergangenen Jahren vielleicht ein bisschen zu schlecht.
campus a: Gibt es direkten oder indirekten Druck auf Redaktionen, bestimmte Themen abgeschwächt oder gar nicht zu behandeln, durch große Werbekunden zum Beispiel?
Florian Gasser: Durch die Abhängigkeit der Medien von Inseraten entsteht natürlich eine gewisse Nähe. Man muss schon sehr naiv sein, um nicht davon auszugehen, dass hier zumindest versucht wird, Druck auszuüben.
campus a: Die Schweiz ist noch kleiner als Österreich und kriegt diese Dinge scheinbar ganz gut hin. Warum eigentlich?
Florian Gasser: Die Schweiz ist dezentraler. Die Medienhauptstadt ist Zürich, die politische ist Bern. Das ist schon einmal ein bisschen entkoppelt. Es gibt auch zwei verschiedene Medienwelten, eine französisch- und eine deutschsprachige. Alles, was in Österreich medial und politisch bundesweit relevant ist, spielt sich in Wien ab und natürlich entsteht da mehr Nähe. Aber umso mehr sollten wir Journalisten alert sein und uns selbst immer wieder fragen, was noch anständig ist und was nicht.
campus a: Hat die unabhängige österreichische Medienlandschaft noch eine Zukunft?
Florian Gasser: Logisch.
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