Wien | Gesundheit | Meinung | Chronik | Kultur | Umwelt | Wirtschaft | Politik | Panorama
GesundheitÖsterreichMeinung

Warum wir uns gegen das Altern wehren

Ewige Jugend ist das Ziel. Cremes mit Schlagwörtern wie „Anti-Aging“ oder „Hautverjüngung“ boomen. Fünfzehn Prozent der Frauen in Deutschland ließen bereits eine Botox-Behandlung durchführen. Das ergab eine Befragung der Deutschen Gesellschaft für Plastische Chirurgie. Auch Hyaluron-Behandlungen und Filler gewinnen an Beliebtheit. Warum wehren wir uns gegen das Altern?
Lara Hassler  •  16. September 2025 Redakteurin    Sterne  440
Der Milliardär Bryan Johnson versucht mit seinem Projekt „Blueprint“ seinen Körper biologisch zu verjüngen. (Foto: Netflix)
X / Twitter Facebook WhatsApp LinkedIn Kopieren

Altern ist der natürlichste Prozess. Zahlreiche Philosophen sprechen sich dafür aus. Mit seinem Konzept der Amor fati fordert der Philosoph Friedrich Nietzsche etwa die Akzeptanz der Vergänglichkeit des Lebens. Arthur Schopenhauer bezeichnet seine Endlichkeit als Erlösung vom Leiden. Seneca sieht das Leben als lang genug, sofern der Mensch es nutzt. 

Trotzdem kämpft der Mensch mit aller Kraft gegen das Altwerden und den Tod an. Tech-Milliardäre investieren Milliarden in Technologien, um den körperlichen Verfall zu stoppen. Der Wunsch nach Unsterblichkeit ist fast so alt wie die Menschheit selbst. Bereits die antiken Griechen priesen Götterspeisen mit der Hoffnung auf ewige Jugend an. Der Philosoph Platon verstand den Erhalt eines jugendlichen Körpers als Illusion. Aristoteles hielt ihn im Falle eines Gleichgewichts der Lebenssäfte Blut, Wasser und Galle für realistisch.

Jugend als „Prime Time“

Im 21. Jahrhundert bleibt der Mensch trotz technologischen Fortschritts sterblich. Noch gibt es kein Medikament, keine Methode, die den Alterungsprozess aufhalten kann. 

Aber das Silicon Valley arbeitet fleißig daran. Tech-Startups wie Altos Labs und Retro Biosciences wollen Zellen programmieren und Gene, die für die Alterung verantwortlich sind, eliminieren. 

Längst geht es nicht mehr nur um Gesundheit, sondern vor allem auch darum, den nach gesellschaftlicher Sicht optimalen Zustand des Körpers zu erhalten. Jugend und Schönheit gehen oft Hand in Hand. Sie gelten als unsichtbares Kapital. Sie ebnen Wege, verschaffen Aufmerksamkeit und Vorteile. Junge Menschen erhalten mehr Bestätigung, finden leichter neue Freunde und haben es bei der Partnersuche einfacher.

Das gilt auch für das Berufsleben.  Junge Menschen bekommen eher einen Job und erzielen höhere Gehälter, ergaben Studien zu dem Thema. Jugend assoziiert die Gesellschaft mit Schönheit, Vitalität und Leistungsfähigkeit. Sie gilt als „Prime Time“, stellt den Höhepunkt des Lebens dar. Der Zustand soll so lange wie möglich aufrecht erhalten bleiben. 

Die Netflix-Doku “Don’t Die. Der Mann, der unsterblich sein will” handelt von dem Milliardär Bryan Johnson, der versucht mit Anti-Aging-Maßnahmen das Leben zu verlängern. (Foto: Netflix)

Kaum alte Menschen in den Medien

Werbung, Mode und Medien bestärken die gesellschaftliche Wahrnehmung. Sie präsentieren Jugend und Schönheit als Norm. Junge Menschen zeigen die Industrien überproportional häufig. Das verstärkt ihre gesellschaftliche Wirkung. In der Welt der Reichen und Schönen gibt es keinen Platz für Makel. Falten, graues Haar und Glatze sind tabu. 

Mit zunehmendem Alter kippt die gesellschaftliche Bewertung. Attraktivität und sexuelles Begehren spricht die Gesellschaft ihnen ab. Sie gelten als langsam, unflexibel und wenig belastbar. Das mündet oft in Einsamkeit. Mit steigendem Alter steigt auch die Pflegebedürftigkeit. Alte Menschen nehmen sich zunehmend als Last für die Gesellschaft wahr. Sie sehen sich mit einem Stigma konfrontiert.

Frauen leiden stärker an Alterung

Frauen haben mit der Stigmatisierung noch stärker zu kämpfen als Männer. Patriarchale Strukturen zwingen sie, sich über ihr Aussehen zu definieren. Mit steigendem Alter büßen sie daher an Aufmerksamkeit und Bestätigung ein. Schauspielerinnen und Models erhalten weniger Filmrollen, Agenturen buchen sie kaum noch. Ältere Frauen finden sich meist nur noch in der Rolle der Mutter, Großmutter und Hausfrau. Reife Männer hingegen bekommen im Alter oft sogar noch mehr Rollenangebote, entsprechen sie gesellschaftlichen Vorstellungen von Attraktivität. Klatschmedien bezeichnen sie als „Silver Wolves“. Der Begriff beschreibt ein Phänomen, nach dem Männer im Alter an Attraktivität und Begehren dazugewinnen. 

George Clooney und Richard Gere sind die Aushängeschilder. Auch in den James Bond-Filmen ist das fortgeschrittene Alter des Bond-Darstellers kein Problem. Falten und Haarausfall machen ihn scheinbar interessant. Die Bond-Girls müssen dagegen unter dreißig sein.

Altern entstigmatisieren

Männer wehren sich gegen das Altern, um das Leben zu verlängern, Frauen, um gesellschaftlich sichtbar zu bleiben. Es wäre an der Zeit, das Alter nicht mehr länger zu tabuisieren, sondern es als Ausdruck eines langen Lebens voller Erfahrungen zu verstehen. Falten erzählen Geschichten, von denen auch die Jugend etwas lernen kann.


Ärztekammer-Preis für Gesundheitsjournalismus
campus a-Preis für Nachwuchsjournalismus

Werde Teil der campus a-Redaktion!

Verfasse auch du einen Beitrag auf campus a.

Empfehlungen für dich

Kommentar
0/1000 Zeichen
Advertisement