„Wir standen nie im Rampenlicht, sondern drehten die Scheinwerfer. Wer in welchem Licht erschien, das bestimmten wir. Und was im Schatten blieb, ebenso. Dafür waren wir gefragt“, schreibt Peter Hochegger in seinem am 20. September erschienenen Buch Die Schattenrepublik. Mit seinem Bruder Paul führte er Österreichs zweitgrößte PR-Agentur. Über Jahre steuerten sie die öffentliche Wahrnehmung diskret aus dem Hintergrund.
Davon ist heute nicht mehr viel übrig. Im Sog der BUWOG-Affäre verschwand die Agentur 2009 vom Markt. Prozesse und Verurteilungen folgten. Für die Bestechung von Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser blickt Hochegger nun einem weiteren Jahr Haft entgegen. Was bleibt, sind die Erinnerungen und der Antrag auf Fußfessel.
In Bedrängnis kommt hier nun ein Facharzt, der zur Blütezeit von Hocheggers Lobbying-Agentur in leitender Funktion an der Medizinischen Universität Wien tätig war. Die MedUni betreibt als Österreichs größte medizinische Lehranstalt das Allgemeine Krankenhaus der Stadt Wien (AKH). Die Vorwürfe Hocheggers gegen den der Redaktion bekannten Mediziner wiegen schwer: Er soll Hochegger gekaufte Studienergebnisse bereitgestellt haben.
„Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe. Das gilt für viele Wissenschaftler“, sagt dazu Hochegger gegenüber campus a. Die Details: Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 machte Hocheggers Agentur PR für die Mineralwasserindustrie.
Die Angst vor der nuklearen Verseuchung des Trinkwassers sollte den Absatz steigern. Denn Mineralwasser stammt, frei von jeder Kontamination, aus tausenden Metern Tiefe. Finanziert von Vöslauer und Römerquelle beauftragten die Brüder Hochegger eine Studie am damaligen Institut für Sozialmedizin, heute dem Center for Public Health der MedUni Wien.
„Die Studie zeigte genau das, was wir erreichen wollten: Trinkwasser konnte durch einen Reaktorunfall wie jenem in Tschernobyl durchaus verseucht und damit gesundheitsschädlich werden“, schreibt Hochegger. Nach der Reaktorkatastrophe im April 1986 erreichten radioaktive Regenwolken auch Österreich.
Mit der Kernschmelze von Tschernobyls Reaktorblock Nr. 4 bot sich Mineralwasserherstellern eine unerwartete, aber willkommene Gelegenheit zur Umsatzsteigerung. (Foto: Shutterstock)
Besonders belastet waren Böden, Wiesen und manche Lebensmittel wie Pilze oder Wildfleisch, nicht jedoch das Trinkwasser. Grundwasser und Leitungswasser blieben sauber, weil sie durch tiefe Bodenschichten gut geschützt waren. Österreichs Trinkwasserversorgung war zu keinem Zeitpunkt gefährdet.
Mit Tschernobyl begann eine jahrelange Zusammenarbeit zwischen der Agentur Hochegger und dem Professor. Es folgten Kampagnen für die Unilever-Marke Iglo oder den NÖM-Fastendrink. Wenn wissenschaftliche Glaubwürdigkeit gefragt war, habe der Mediziner den „universitären Sanktus“ geliefert, sagt Hochegger.
So etwa, es war in den 1990er Jahren, reisten der Professor und der Medizinjournalist Hademar Bankhofer zu einem Lebensmittelhersteller in Begleitung eines ORF-Filmteams. Vor laufender Kamera besprachen sie die Vorzüge eines neuen Milchproduktes. Mithilfe eines speziellen Bakterienstamms sollte es das Immunsystem stärken.
Was unerwähnt blieb, war der hohe Zuckergehalt der angeblichen „Immunbombe“. Das Getränk stärkte zwar tatsächlich das Immunsystem, aber nicht mehr als andere Milchprodukte. Erst Jahrzehnte nach der Markteinführung deckte die Organisation Foodwatch den Schwindel auf.
„Wissenschaftler sind Testimonials“, erklärt Hochegger campus a am Telefon. „Sie haben Namen, die für Expertise stehen. Damit sendeten wir eine Botschaft an die Konsumenten: Der Professor sagt, unser Produkt ist gesund. Also ist ein Kauf eine Investition in die eigene Gesundheit.“
Das Honorar sei stets ans Institut geflossen, sagt Hochegger. „Über die Jahre zusammengerechnet war es wohl eine Million Euro.“ Wie und ob das Institut und der leitende Arzt untereinander abgerechnet haben, weiß er nicht. Hocheggers Bruder, der 2019 verstorbene Paul Hochegger, war die eigentliche Kontaktperson.
Der einstige Institutsleiter ist heute über achtzig, Professor im Ruhestand, aber immer noch als Lehrkraft aktiv. In seinem Büro reihen sich Fotos, Erinnerungsstücke, Titel und Auszeichnungen. Allesamt Spuren einer langen Karriere. „Sie werden schon sehen“, sagt er. „Sie müssen nur alt genug werden, dann sammelt sich viel Zeug bei Ihnen an.“
Den Anlass des Gesprächs kennt der Professor längst. Der Verlag hatte ihn während der Buchproduktion um eine Stellungnahme gebeten. Ein Exemplar von Die Schattenrepublik hat er vorbestellt.
Konfrontiert mit Hocheggers Vorwürfen der Käuflichkeit reagiert er mit Unverständnis. „Ich sehe keinen Grund mich verteidigen zu müssen.“ Er weicht aus, sieht keinen Grund für eine Rechtfertigung. Das würde nur endlose Verfahren nach sich ziehen, meint er. Aktuell sei Hochegger rechtlich ohnehin bedient. „Bis zu einem gewissen Grad, tut er mir ja leid. Er ist vernichtet, oder?“
In „Die Schattenrepublik“ schildert Hochegger seine Erlebnisse als einstiger PR-Berater der Mächtigen und Schönen. (Foto: edition a)
Die Bekanntschaft mit den Brüdern Hochegger bestreitet er nicht. Episodenhaft habe er mit ihnen, insbesondere mit Paul Hochegger, gearbeitet. „Ebenso wie mit unzähligen anderen Unternehmen und Agenturen.“ Im Laufe eines langen Lebens würden Menschen in gewissen Positionen um alles Mögliche gefragt sein. Sponsoring sei im Gesundheitswesen üblich. Noch heute laden Unternehmen hochrangige Mediziner zum Beispiel gegen Honorare zu Tagungen oder Konferenzen ein, um ihre Produkte und Medikamente zu bewerben.
„Es gibt niemanden, der nie in Kontakt mit der Industrie war“, relativiert der Mediziner. „Der unabhängige Experte, das ist einer, für den sich niemand interessiert, weil er nichts kann.“ Alles sei aber stets im legalen Rahmen geschehen.
Ist Hocheggers Buch die Beichte eines im Gefängnis Geläuterten oder der Versuch eines Gescheiterten, der Welt in Erinnerung zu bleiben? Seine Vorwürfe lassen sich schwer überprüfen. Belege oder Unterlagen legt er keine vor. Die angebliche Studie zu Tschernobyl ist nicht mehr auffindbar. Auch die Universitätsbibliothek der MedUni Wien konnte keine Arbeit zur nuklearen Trinkwasserverseuchung aus dem Jahr 1986 finden. Eine interne Anfrage der Unibibliothek an das Institut des Professors blieb nach der Urgenz von campus a unbeantwortet.
Die MedUni verzichtete vorerst, sich zu Hocheggers Vorwürfen zu äußern. „Die MedUni Wien kann nur auf gesicherte und nachprüfbare Informationen reagieren. Selbstverständlich werden wir die weitere Entwicklung aufmerksam verfolgen und gegebenenfalls zu einem späteren Zeitpunkt eine Stellungnahme abgeben“, so die Pressestelle.
Zwischen der edition a, die Peter Hocheggers Buch publizierte, und campus a besteht ein Naheverhältnis.
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