Die Teuerungen machen derzeit zahlreichen Menschen in unserem Land zu schaffen. Sie sind in allen Lebensbereichen spürbar, beim Wohnen ebenso wie beim täglichen Einkauf oder dem Benützen von öffentlichen Verkehrsmitteln. Vor allem die rund 200.000 Bezieher von Mindestpensionen drehen jeden Cent einzeln um, ehe sie ihn ausgeben. Wie schwer der tägliche Kampf ist, weiß die in Bischofshofen im Salzburger Land lebende Isabella Thaler. Die 65-Jährige ist Mutter von fünf Kindern und stolze Großmutter von sieben Enkeln. Als alleinerziehende Mutter arbeitete sie an den Wochenenden als Reinigungskraft, um das Nötigste auf den Tisch zu bringen. „Ich wusste schon damals manchmal nicht, wie ich einen Liter Milch oder Windeln kaufen soll“, erinnert sie sich. Pensionszeiten konnte sie kaum sammeln.
Thalers Labrador begleitet sie überall hin mit. (Foto: Rosmarie Sophie Gärtner)
Deshalb ist ihr Leben geprägt von finanzieller Unsicherheit. Gerade 816 Euro erhält sie monatlich laut ihrem Pensionsbescheid. Hinzu kommen 120 Euro Ausgleichszulage, wovon aber 47 Euro für die Krankenversicherung weggehen. Ihre Pension beträgt also 889 Euro. Dazu kommen noch 300 Euro Unterhalt, die ihr Ex-Mann pro Monat zahlen muss. „Das ist eine große Erleichterung“, sagt sie. Denn ihren Kindern ist sie noch nie zur Last gefallen, das möchte sie auch nicht. „Von ihnen würde ich kein Geld nehmen. Das gehört sich einfach nicht.“
Deshalb geht der Großteil von Thalers magerem Einkommen für ihre Miete drauf. Für ihre 50 Quadratmeter große Gemeindewohnung muss sie 420 Euro hinblättern. Ein Betrag, an dem nichts zu rütteln ist, doch bei den Stromkosten versucht die 65jährige Pensionistin zu sparen, wo es möglich ist. Dennoch zittert sie vor der nächsten Abrechnung. Vor allem, seit die Energie so teuer wurde. „Derzeit muss ich 70 Euro monatlich dafür ausgeben, um warmes Wasser zu haben und den Kühlschrank, die Waschmaschine sowie den Radio zu benützen. Ich schalte aber den Boiler für warmes Wasser vor lauter Angst vor der Rechnung nur ein Mal in der Woche ein“, erzählt sie.
Eine Zentralheizung gibt es in der Wohnung von Isabella Thaler nicht, weshalb sie auch keine Wohnbeihilfe bekommt. Dafür hat die Salzburgerin einen Holzofen, der spart Strom. Gut 640 Euro hat der Holzvorrat für den Winter gekostet, das war fast ihr gesamtes Weihnachtsgeld. Fleisch und Fisch kommen nur selten auf den Teller, manchmal für ihren geliebten Labrador „Louis“, den sie nicht missen möchte, obwohl er noch einmal 150 Euro im Monat kostet. Nach Abzug aller Fixkosten bleiben Thaler nur noch etwa 500 Euro für Lebensmittel und alle übrigen Ausgaben wie die Selbstbehalte für Medikamente, die sie nach einer Reflux-Operation benötigt, oder kleine Geschenke für ihre Enkel. Die kauft die stets gut gelaunte Pensionistin liebend gerne ein. Vor allem natürlich zu Weihnachten und zu den Geburtstagen.
Die Folgen ihrer überstandenen Operation nimmt die Seniorin ebenfalls mit Humor. „Ich kann zwar nicht mehr so viel essen wie früher, aber das spart wenigstens Geld“, meint die 65jährige lachend und streicht ihrem „Louis“ liebevoll über sein weiches Fell. „Natürlich ist mein Labrador eine große finanzielle Belastung, denn es fallen ja immer wieder Tierarztrechnungen an, aber ich genieße die stundenlangen Spaziergänge mit ihm. Dabei kann ich den Alltag hinter mir lassen. Ein Tier gibt Liebe und Geborgenheit, und wenn du traurig bist, ist es immer für dich da.“
Sie muss täglich darauf achten, ob das Geld noch für das Essen reicht. (Foto: Rosmarie Sophie Gärtner)
Immer dienstags gilt das auch für die Caritas. Dann kann Thaler bei der Hilfsorganisation Essensspenden abholen, ein Mal im Monat bekommt sie zudem ein „Carepaket“ von den „Rollenden Herzen“, einem Verein, der Menschen in Not hilft. Im Supermarkt gibt sie pro Einkauf selten mehr als 15 Euro aus. Statt zu Fleisch und Fisch greift die 65-Jährige lieber zu Gemüse, Brot oder Joghurt. „Ich liebe eigentlich Käse, aber der geht sich nicht aus“, erzählt sie. Oft legt Thaler Produkte wieder zurück, wenn sie erkennt, dass der Preis dafür schon wieder gestiegen ist. „Früher mochte ich Butterbrote, aber bei den Butterpreisen verzichte ich jetzt darauf.“ Ebenso wie auf einen Besuch im Kaffeehaus. „Den gibt es bei mir nicht.“
Aber ein Mal im Monat gönnt sich Thaler eine Topfengolatsche. „Das ist Luxus, dann fühle ich mich so richtig glücklich“, sagt sie mit leuchtenden Augen. Für andere außerordentliche Zahlungen bleibt hingegen kaum Spielraum. Als jüngst ihr Herd und ihr Kühlschrank kaputtgingen, war die Not groß. „Die Caritas hat mir schließlich neue Geräte gegeben, eine andere Möglichkeit hatte ich nicht“, sagt sie. Dankbar ist sie auch für die Fahrscheine, die ihr die Gemeinde zu Weihnachten geschenkt hat. Damit kann sie den Bus in Bischofshofen benützen.
Weil Frau Thaler zwar wenig Geld, dafür umso mehr Zeit hat, hilft sie jenen, die es ähnlich schwer haben wie sie. Ein Mal pro Woche arbeitet die Salzburgerin ehrenamtlich im „Kost-Nix-Laden“ der Caritas, „um etwas zurückzugeben“, wie sie sagt. Dort ordnet sie gebrauchte Kleidung, Bücher und Schulsachen ein und verteilt sie an Bedürftige.
Wer sie nach den Politikern fragt, bekommt ein Kopfschütteln. „Die kennen meine Probleme nicht. Politiker leben nicht in meiner Welt, aber dafür selbst auf Kosten der Steuerzahler in Saus und Braus.“ Nach Ansicht der Pensionistin müsste die Arbeit von Müttern Würdigung finden – auch in der Pension. Denn es sei eine Schande, dass Mütter trotz jahrzehntelanger harter Arbeit für ihre Familie so wenig Unterstützung bekommen.
Sie arbeitet jeden Dienstag ehrenamtlich. (Foto: Rosmarie Sophie Gärtner)
Und doch ist es da, immer wieder, dieses breite Lächeln auf Thalers Lippen, geboren aus ihrer Fähigkeit, sich über die kleinen Dinge des Lebens zu freuen. Und einige dieser kleinen Dinge sind mittlerweile sogar recht groß, ihre Kinder, die der Stolz der Mama sind und die sich freut, wenn sie vorbeikommen. „Eines habe ich im Leben richtig gemacht“, sagt sie. „Wir sind eine Familie und wir lieben uns. Was Schöneres gibt es nicht.“
Dieser Artikel wurde von derselben Redakteurin in der Zeitschrift: „Die ganze Woche“ in der Ausgabe am 4.2.2026 veröffentlicht.
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