Ein junger Mann geht die Stufen der U-Bahn Station nach oben. An dem frischen Herbstmorgen ist er unterwegs ins Büro. Da schießt ein E-Bike Fahrer heran, entreißt ihm das Handy und verschwindet so schnell, wie er gekommen ist. Fassungslos bleibt der junge Mann am Gehweg zurück.
In den meisten europäischen Ländern, vor allem in Großbritannien, mehren sich Handydiebstähle. London gilt dabei als krimineller Hotspot der Diebe.
Über Jahre behandelte die Londoner Metropolitan Police das als Kavaliersdelikt. Strafen setzten sie kaum, die Täter konnten sich sicher fühlen. Durch die App Find-My-Iphone stellte die Polizei dann in einem Lagerhaus in der Nähe des Londoner Flughafens Heathrow mehr als tausend gestohlene Telefone sicher. Sie waren in Aluminiumfolie gewickelt, um die Ortung zu erschweren. Der Fund führte zu einem Schmugglerring, der zur Überraschung der Ermittler vor allem ins chinesische Shenzhen lieferte.
Mangels Kontrollen entlang der Grenzen kommen die Handys relativ leicht ins Reich der Mitte. Die Metropole im Süden von China gilt als das “Silicon Valley Asiens”. Shenzhen ist eine der reichsten und am schnellsten wachsenden Städte Chinas und gilt weltweit als Zentrum für Handyreparatur und Ersatzteile. Für die vielen Techniker aus aller Welt dort ist es ein Leichtes, gestohlene Smartphones zu entsperren, Ersatzteile auszubauen oder die Geräte vollständig neu einzurichten.
Zudem bringen in China die internationalen Sperrlisten nichts. Wenn europäische Opfer ihr Handy bei der Polizei als gestohlen melden, tragen sie deren Seriennummer in eine Datenbank ein. Das macht die Smartphones für die Diebe unbrauchbar, sie lassen sich nun nicht mehr einschalten. In China sind die lokalen Netzwerke jedoch nicht mehr mit den globalen Datenbanken verbunden, was die internationale Sperrliste wirkungslos macht. Aber warum liebt die chinesische Kundschaft die gebrauchten europäischen Handys? Sie gelten dort nicht nur als Statussymbol, sie helfen auch, die staatliche Überwachung zu umgehen.
Das Internet in China funktioniert wie ein riesiges privates Intranet, also wie ein internes Netzwerk. Laut einem Bericht der BBC kontrolliert die Regierung so 96 Prozent der Daten im eigenen Land. Seit mehr als zehn Jahren schottet die sogenannte “Great Firewall of China” das chinesische Netz vom Rest der Welt ab. Die Kommunistische Partei verfolgt dabei ein klares Ziel. Sie will das Land und seine Bevölkerung vollständig überwachen und kontrollieren. Alle Online-Inhalte müssen den politischen Vorgaben und Narrativen der Kommunistischen Partei entsprechen.
Dabei kommen die gestohlenen Handys aus Europa ins Spiel. Dank ihrer anderen Firmware-Versionen sind sie nicht speziell an den chinesischen Markt angepasst und schwieriger zu zensieren. Firmware ist die Software, also das “Gehirn” eines Handys. Auf europäischen oder auch amerikanischen Geräten finden sich außerdem vorinstallierte Google-Dienste, die in den Standardeinstellungen bei chinesischen Handys zur Gänze fehlen.
Bestimmte VPN-Verbindungen funktionieren ebenfalls auf europäischen Smartphones oft stabiler und zuverlässiger. In einem Virtual Private Network (VPN) verschlüsselt ein Server die Daten der Nutzer und kann gleichzeitig deren Standort verschleiern. Dadurch können Menschen in China auf Online-Inhalte zugreifen, die im eigenen Land gesperrt sind.
Zusätzlich nutzen einige Chinesen durch die gestohlenen Handys eine sogenannte ausländische Netzbetreiber-Route. Das bedeutet: Mit einer ausländischen SIM-Karte bleibt das Handy zwar physisch mit dem chinesischen Internet verbunden, leitet seine Daten jedoch über Roaming durch ausländische Netzwerke und umgeht damit die staatliche Zensur. So sind ausländische Smartphones für viele Chinesen ein seltenes Tor zu einer freieren und weniger kontrollierten digitalen Welt.
Ein junger Mann sitzt in einem Restaurant in China. Er steht auf und geht zum Tresen, um die Rechnung zu bezahlen. Sein Handy lässt er achtlos auf dem Tisch liegen. Als er zurückkommt, liegt das Telefon unberührt da. Niemand hat sich danach umgesehen. Das sind die kleinen Vorteile einer Diktatur, die überall ihre Augen und Ohren hat.
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