Margit Saßhofer, Leiterin des Referats „Schulärztinnen und -ärzte“ der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, ist seit mehr als dreißig Jahren als Schulärztin tätig. Im Campus-A-Interview spricht sie über den körperlichen und psychischen Zustand junger Menschen, problematische Essgewohnheiten und darüber, warum süße Getränke ihrer Meinung nach eigentlich niemand braucht.
campus a: Wie geht es den Schülerinnen und Schülern in Österreich heute im Vergleich zu jenen vor 20 Jahren?
Saßhofer: Psychisch geht es Kindern und Jugendlichen heute etwas schlechter als vor 20 Jahren. Körperlich ist das Bild gemischt. In manchen Bereichen ist es besser geworden, in anderen schlechter. Aber das ist nur ein Querschnitt. Individuell sind die Unterschiede sehr groß.
campus a: Gibt es bestimmte körperliche Defizite oder gesundheitliche Probleme, die besonders häufig auftreten?
Saßhofer: Insgesamt könnte der gesundheitliche Zustand besser sein. Sehr häufig sehen wir orthopädische Probleme, vor allem Haltungsprobleme. Die entstehen durch langes Sitzen, viel Bildschirmzeit und zu wenig Bewegung. Übergewicht ist ein großes Thema, ebenso Kurzsichtigkeit, die stark zunimmt und fast schon als normal wahrgenommen wird. Zusätzlich sehen wir einen deutlichen Anstieg von Diabetes bei Kindern und Jugendlichen. Das ist zwar insgesamt noch auf niedrigem Niveau, aber im Vergleich zu früher hat sich die Zahl vervielfacht. Als ich vor etwa 30 Jahren begonnen habe, war es eine Sensation, wenn es unter 1.200 Schülerinnen und Schülern ein einziges Kind mit Diabetes gab. Heute haben wir in einer vergleichbaren Gruppe vier bis sechs Fälle. Das ist ein enormer Anstieg.
campus a: Worin sehen Sie die Ursachen für diese Entwicklung?
Saßhofer: Bei Diabetes spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Übergewicht ist ein wichtiger Punkt, aber auch die Vorbelastung der Mütter. Wenn Mütter übergewichtig sind oder einen ungünstigen Lebensstil haben, kann sich das auf die Kinder auswirken. Stichwort Epigenetik. Dazu kommt natürlich die Ernährung der Kinder selbst. Sie konsumieren zu viel Zucker. Das ist medizinisch ganz klar ein Problem.
campus a: Und bei Übergewicht?
Saßhofer: Gehen Sie in einen Supermarkt und schauen Sie sich an, was in den Regalen liegt. Sehr viel Zucker, sehr viel Fett, süße Getränke. Süße Getränke sind inzwischen leider Standard. Besser sollte man Wasser oder ungesüßten Tee trinken. Süße Getränke sind wirklich nur leere Kalorien und nicht notwendig.
campus a: Gleichzeitig gibt es aber den Eindruck, dass Fitnessstudios und Sport unter Jugendlichen gerade im Trend liegen. Nehmen Sie das auch so wahr?
Saßhofer: Ja, das stimmt teilweise. Ich beobachte aber, dass viele Jugendliche das nicht über längere Zeit durchhalten. Mit 16 freuen sie sich darauf, ins Fitnessstudio zu gehen, mit 17 gehen sie nur noch selten oder gar nicht mehr. Sport funktioniert meist langfristig nur, wenn man etwas findet, das wirklich Spaß macht. Die Jugendlichen, die das schaffen, bleiben auch eher dabei. Was leider zurückgeht, ist die klassische Vereinstätigkeit. Sportvereine erfordern Unterstützung durch die Eltern und oft auch mehr Zeit. Das Trainingspensum in manchen Disziplinen grenzt heute fast schon an Leistungssport. Das ist neben der Schule kaum zu bewältigen. Das ist schade. Auch Angebote wie Pfadfinder oder ähnliche Gruppen nehmen ab, dabei sind sie für die Bewegung und die soziale Entwicklung sehr wertvoll.
campus a: Welche problematischen Ernährungs- und Trinkgewohnheiten beobachten Sie noch?
Saßhofer: Viele Schülerinnen und Schüler essen regelmäßig Fast Food und Fertiggerichte. Es geht nicht nur um Zucker und Fett, sondern um stark verarbeitete Lebensmittel. Außerdem essen Kinder und Jugendliche viel zu wenig Gemüse. Ich sage meinen Schülerinnen und Schülern immer: Alle Gemüse sind deine Freunde. Einmal hat mir ein Schüler geantwortet: „Aber meine Freunde esse ich doch nicht.“
campus a: Kommen wir zu den psychischen Belastungen. Welche spielen dabei die größte Rolle?
Saßhofer: Wir sehen einen Anstieg von Panik- und Angststörungen, Depressionen oder Schulverweigerung. Dazu kommen häusliche Belastungen. Außerdem nehmen Fragen zur sexuellen Identität stark zu. Diese Themen gab es früher auch, aber heute treten sie wesentlich häufiger auf. Ein großer Faktor ist außerdem der Einfluss von Social Media und digitalen Medien generell. Sie erzeugen einen enormen Druck zur Selbstoptimierung. Die Burschen und Mädchen vergleichen sich ständig, wollen perfekt aussehen, perfekt sein. Dazu kommen Sorgen über Umweltprobleme und weltpolitische Krisen. Jugendliche bekommen das alles mit, und es belastet sie sehr.
campus a: Werden Jugendliche Ihrer Meinung nach labiler oder ist das eher eine Folge des steigenden Drucks?
Saßhofer: Ich würde nicht sagen, dass Jugendliche labiler werden. Der Druck von außen nimmt einfach stark zu. Das „Brett“ wird nicht dünner, aber der Druck steigt, und irgendwann bricht es. Dazu kommt, dass Überbehütung zu weniger Resilienz führen kann, Vernachlässigung ist aber genauso problematisch. An beiden Enden gibt es Bruchstellen.
campus a: Worauf sollen Eltern besonders achten?
Saßhofer: Das ist eine schwierige Frage. Natürlich sollen Eltern auf ihre Kinder achten, aber es gibt keine einfachen Rezepte. So zeigen etwa Studien, dass Maßnahmen wie Social-Media-Verbote grundsätzlich sinnvoll sein können. Sie sind aber in der Praxis extrem konfliktbeladen und für viele Familien kaum durchsetzbar.
campus a: Was wünschen Sie sich von den Schulen?
Saßhofer: Ehrlich gesagt ist meine Beobachtung, dass die Schulen bereits am Limit sind. Sie leisten immer mehr und stoßen an ihre Kapazitätsgrenzen. Ich kann mir von den Schulen kaum mehr wünschen, als sie ohnehin schon tun.
campus a: Und von der Politik?
Saßhofer: Eine gute Entscheidung war das Verbot von Handys in der Schule. Darüber hinaus halte ich eine Zuckersteuer oder höhere Steuern auf ungesunde, eigentlich unnötige Lebensmittel für sinnvoll, auch wenn das unpopulär ist. Ich bin überzeugt, wenn Süßigkeiten oder Chips teurer werden, werden sie zum Luxus und seltener konsumiert. Außerdem brauchen wir verbindliche Gesundheitsbildung in der Schule. Das bisherige Unterrichtsprinzip Gesundheit reicht nicht aus. Es braucht klare, standardisierte Inhalte: Ernährung, Kochen, Bewegung, Lebensstil. Schule soll Interesse wecken und zeigen, welche Möglichkeiten es gibt, besonders in Sport und kreativen Fächern.
campus a: Sollte Ihrer Meinung nach auch psychische Gesundheit stärker im Schulalltag verankert werden?
Saßhofer: Das passiert bereits in vielen Schulen. Es gibt Sozialkompetenzstunden, Mediatorinnen und Mediatoren, Peer-Mediation, Schulsanitäterinnen und -sanitäter. In diesem Bereich machen die Schulen schon sehr viel. Trotzdem muss auch von zu Hause mehr kommen. Lehrkräfte stehen unter enormem Druck, und die Erwartungen von Eltern und Gesellschaft sind teilweise unrealistisch.
campus a: Was meinen Sie konkret mit „von zu Hause muss mehr kommen“?
Saßhofer: Kinder müssen lernen, dass Regeln gelten und Konsequenzen haben. Heute erleben wir immer öfter, dass schon sehr junge Kinder mit rechtlichen Drohungen argumentieren, wenn es um einfache Regeln geht. Das belastet den Schulalltag enorm. Ich kann nur sagen: Lehrerinnen und Lehrer sind Helden.
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