„Ich bin hungrig, Oma.“ Seufzend stieg ich die letzte Treppenstufe des Triumphbogens hinab. Für heute hatte wir alle Sehenswürdigkeiten unseres strikten Drei-Tage Paris Programms gesehen. Morgen würde es weitergehen. „Wohin gehen wir?“ Ich zwinkerte ihr zu. „Fragen wir meine schlaue Liste.“ Ich wich den vorbeieilenden Touristen aus und zog ein zerknittertes Blatt Papier hervor. Meine Restaurantliste. Eine Liste mit attraktiv wirkenden rein veganen Restaurants und solchen mit veganen Angeboten. Solche Listen schrieb ich als Veganerin vor jedem Städtetrip. Ich wollte vor Ort nicht lange herumsuchen müssen. In manchen Städten ist das eine Herausforderung, nicht aber in Paris. Meine Liste war länger als die Anzahl der Tage unseres Aufenthalts. „Das Le Potager de Charlotte soll sehr gut sein.“ Meine Oma zuckte die Schultern. Sie hatte den Namen noch nie gehört.
„Bonsoir, madames“ (Guten Abend, die Damen) begrüßte uns ein Mitte dreißigjähriger Franzose lächelnd. Er hieß David und war der Inhaber des Lokals. Vor elf Jahren gründete er aus Liebe und Überzeugung zur veganen Küche mit seinem Bruder und seiner Mutter Charlotte das „Le Potager de Charlotte“ (Charlottes Gemüsegarten). Ein Großteil der im Restaurant verarbeiteten Lebensmittel stammt aus eigenem Anbau. Beim Anblick Davids, der an den Koch Gabriel der Serie „Emily in Paris“ erinnerte, fiel mir diese Informationen wieder ein. Ich hatte sie auf der Homepage gelesen.
Wir fanden an einem letzten freien Tisch Platz. Ich ließ den Blick durch den Raum schweifen. Die Wände waren dunkelgrün. Von der Decke hingen goldene Lampen in Form von Glühbirnen. Der Raum war erfüllt von Gesprächen in allen möglichen Sprachen. Wunderschön hier, dachte ich. Eine richtige Wohlfühloase. Wenn das Essen genauso gut ist…
„Voilà (Bitteschön).“ Vorsichtig platzierte der Kellner unsere Bestellung auf dem Tisch. Wir hatten uns für zwei Vorspeisen zum Teilen entschieden: Kürbis auf Hummus und herzhaften Pancakes. Ich nahm den ersten Bissen der Pancakes mit der Cashew-Füllung. Unser Tischgespräch verstummte. Nach einer Weile tauschten wir die Teller. „Unglaublich“, murmelte sie leise. Dem war nichts hinzuzufügen. Mit halbgeschlossenen Augen leerten wir die Teller, bestellten die Schokolade-Pancakes als Dessert und fuhren überglücklich zurück zu unserem Hotel. Besser kann vegan nicht schmecken, nicht in Paris, nicht in Europa, nirgendwo auf der Welt. Da waren wir uns einig.
Zur Sicherheit testeten wir in den folgenden Tagen andere Lokale auf meiner Liste. Sie waren gut, keine Frage. Doch im Gegensatz zum „Le Potager de Charlotte“ verfolgten sie mich nicht bis in meine Träume. Ich brach also meine Regel, die darin bestand, möglichst viele Lokale zu besuchen und keines davon zweimal.
„So I guess you like our food? (Unser Essen scheint euch zu schmecken?) “ Der Lokalinhaber David konnte sich beim zweiten Besuch noch an uns erinnern. Wir bestellten tatsächlich wieder dasselbe. Beim Anblick der sich leerenden Tellern kamen mir beinahe die Tränen. Wie gerne hätte ich mir diese Gerichte mit nachhause genommen und jeden Tag gegessen. Nachdem die letzte Spur der Cashew-Creme von meinem Teller verschwunden war, erhob ich mich. „Ich bin gleich wieder da.“ Nervös, aber zielstrebig schritt ich zum Tresen. „Sorry. Can I ask you a question? (Entschuldigung darf ich dich etwas fragen?)“„Sure (Sicher).“ David klappte seinen Laptop zu. Ich zögerte. In Österreich würde ich auf diese Frage ein klares „Nein“ bekommen. „Can I have the recipe for the cashew creme? (Kann ich das Rezept für die Cashew-Creme haben?)“
„Du bist unglaublich“, gluckste meine Oma, als die grüne Restauranttür wenig später hinter uns ins Schloss fiel. Ich strahlte über das ganze Gesicht. Ich hatte das Rezept bekommen. Wehmütig blickte ich zurück in das hell erleuchtete Innere des Restaurants. „Weißt du was, Oma? Eines Tages will ich hier arbeiten.“ Ein Wunsch, der mich von diesem Tag an begleitete. Genauso wie Davids Rezept, das ich nach meiner Rückkehr in Österreich ausprobierte und an sein Instagram Profil ein Foto davon inklusive einer Dankeschön-Nachricht schickte. Als er darauf reagierte und mir ebenso auf Instagram folgte, hatte ich ihn: Seinen Kontakt, den ich aufrechterhielt.
Ich ließ mich trotz der Zweifel meiner Freunde und Verwandten nicht beirren.„Das ist unmöglich. Du kannst nicht einmal gut Französisch.“ „Du hast kaum gastronomischen Erfahrungen.“ „Kannst du überhaupt mehrere Teller gleichzeitig tragen?“ Nein, konnte ich nicht. Dafür war ich in etwas anderem gut: Darin, meine Träume zu bewahren. Doch bevor ich David um einen Praktikumsplatz fragen wollte, wartete ein anderes Abenteuer auf mich. Eine Australien-Neuseeland-Reise. Auch in dieser Zeit hielt ich den Kontakt mit David aufrecht. Immer wieder reagierte er auf meine InstagramStories. Ich erfuhr, dass er in seinen frühen Zwanzigern ebenso mehrere Monate durch Australien und Neuseeland gereist war und in einem Lokal in Sydney gearbeitet hatte.
Zurück zuhause war meine Reiselust keineswegs gestillt. Ich wollte alles aus meinem Gap-Year herausholen. Nun, ein Jahr nach jener Paris-Reise, war ich so weit, David einfach zu fragen. Was hatte ich zu verlieren? Das Worst Case Szenario wäre ein „Nein“ und das Best Case? Ein erfüllter Traum vom Arbeiten im weltallerbesten veganen Lokal und ein Leben in Paris.
„I will make an exception. I see myself in you, and I wish somebody had given me such a chance at your age. So I will give it to you (Ich mache eine Ausnahme. Ich sehe mich in dir wieder und wünschte jemand hätte mir in deinem Alter solch eine Chance gegeben. Also gebe ich sie dir)“, schrieb David. Ich ließ meiner Freude freien Lauf. Wie ein Flummi sprang ich auf und ab. Mit dem Handy in meinen zittrigen Händen und meiner Oma am anderen Ende der Leitung, die in mein Gejubel mit einfiel.
Ich konnte es kaum glauben. Ich hatte es tatsächlich geschafft. In nicht einmal zwei Monaten würde ich nach Paris reisen. Zwei Wochen würde ich im Restaurant meiner Träume arbeiten. Trotz geringer Gastronomie- und Französisch-Kenntnisse. Ich holte tief Luft. „Und weißt du, was das Allerbeste ist?“ Ich hielt mitten in der Sprungbewegung inne. „David wird mich nicht bezahlen. Dafür darf ich gratis in seiner Airbnb-Wohnung zwanzig Minuten zu Fuß vom Lokal entfernt wohnen.“ Durchgeschwitzt und mit rasendem Herzen ließ ich mich auf das Sofa sinken. „Schau dir die Wohnung an. Ich habe dir Davids Video weitergeleitet.“ Ungeduldig starrte ich an die Decke. Stille. Dann das Räuspern meiner Großmutter. „Lilli. Das ist einfach unglaublich.“
Auch nach einer Woche fühlte sich das Leben in der schicken Erdgeschosswohnung inklusive Terrasse im 17. Arrondissement noch surreal an. Das Viertel Levallois-Perret zählt zu den sichersten und wohlhabendsten Wohngegenden etwas außerhalb vom Pariser Stadtzentrum. Für mich war die Lage „parfait“, also perfekt. In nur 25 Minuten erreichte ich zu Fuß das „Le Potager de Charlotte“, das wiederum nur 15 Gehminuten vom Triumphbogen entfernt liegt. Mit den AirPods und dem Lied „Paris“ von The Chainsmokers tanzte ich mir meinen Weg in die Arbeit.
Kurz vor elf erreichte ich das „Le Potager de Charlotte“, begrüßte meine Arbeitskollegen, band mir meine Schürze um und startete mit der Säuberung des Gastraums. Sobald die ersten Gäste eintrafen, nahm ich die Bestellungen auf, servierte, räumte die leeren Teller ab und deckte den Tisch neu. Auch die Zubereitung der Getränke und das Auffüllen leerer Wasserflaschen und Brotkörbe lag in meinem Aufgabenbereich. Das Arbeiten zusammen mit meinen liebenswürdigen Kollegen machte mir wahnsinnigen Spaß. Genauso wie das Bewirten der teils Französisch, Englisch und Deutsch sprechenden Gäste, die keineswegs alle Veganer waren.
Das qualitativ hochwertige, überwiegend biologische und regionale, frische und unglaublich gute Essen sorgte bei den Gästen für Begeisterung. Sowie das hervorragende Konzept. Nicht umsonst stand das „Le Potager de Charlotte“ bereits in der Vogue und ergatterte Rang 4 in dem Magazin VegNews für die besten veganen Lokale Europas. Anders als bei vielen anderen gehobenen Restaurants gibt es kein vorgefertigtes Menü inklusive Mini-Portionen, die Gäste nach einem 200-Euro-Essen hungrig in die nächste Bäckerei treiben. Stattdessen liegt der Preis von Vorspeisen zwischen 10 und 13 Euro, die Hauptspeisen kosten rund 21 Euro und die Nachspeisen zwischen 11 und 14 Euro.
Das einzige, vergleichbare vegane Wiener Lokal mit gehobener À‑la‑Carte-Küche und annährend ähnlicher Qualität und Geschmack ist das Lara. Allerdings mit weitaus höheren Preisen. 24 Euro etwa fallen hier für eine Vorspeise an und die Portionen sind wesentlich kleiner und kaum sättigend.
Das Highlight jeder Arbeitsschicht war das gratis Essen. Denn in jeder Schicht, sowohl von 11 bis 15 Uhr als auch von 18.30 Uhr bis kurz vor Mitternacht, durften wir zwei Vorspeisen oder eine Hauptspeise von der Speisekarte wählen. Ich kostete mich durch die komplette Karte. Schon bald standen meine Favoriten fest: Die Aubergine auf Hummus, der Sesam-Tofu und natürlich die salzigen Pancakes mit der Cashew-Creme.
Ich hatte Tränen in den Augen, als ich an meinem letzten Arbeitstag nach dem Teller gefüllt mit den salzigen Pancakes und dem Sesam-Tofu griff. Ein letztes Mal würde ich sie genießen. Dann war mein Praktikum im „Le Potager de Charlotte“ zu Ende. Es war ein Abenteuer, das in seinen besten Träumen nicht hätte perfekter sein können. Die Kommunikation innerhalb des Teams und mit den Gästen war zu Beginn eine Herausforderung gewesen. Genauso wie die späten Arbeitszeiten und das Heimkommen um Mitternacht. Nun, da es Zeit für den Rückflug war, wäre ich gerne noch länger geblieben. Ich hätte gerne noch mehr lustige Stunden mit meinen Arbeitskollegen verbracht, in dem wunderschönen Apartment gewohnt und mir das weltallerbeste Essen schmecken lassen.
Ich nahm einen Bissen der Pancakes. Die luftige, zarte, leicht süßliche Cashew-Creme zerfloss in meinem Mund. Mit diesem Geschmack hatte alles begonnen: Meine Liebe zum „Le Potager de Charlotte“ und mein Traum, hier zu arbeiten. Als ich den nächsten Bissen des mit Sesam ummantelten Tofus in meinen Mund schob, hörte ich plötzlich die weisen Worte des Kochs Gusteau aus meinem Kinderlieblingsfilm Ratatouille: „Du musst fantasievoll und mutig sein. Du musst Dinge ausprobieren, die vielleicht nicht gelingen, und du darfst niemandem erlauben, dir Grenzen zu setzen. Egal, woher du kommst. Deine einzige Grenze ist deine Seele.“
Egal ob bewusst oder unbewusst. Ich hatte Gusteaus Rat befolgt und war meinem Traum treu geblieben. Dem Traum vom Arbeiten im meiner Meinung nach besten veganen Lokal Europas. Und hier für alle, die ein wenig daran teilhaben wollen, das Rezept der Cashew-Creme von meinem allerersten Besuch im Le Potager de Charlotte.
Für die Cashew Creme: 100 g Cashewkerne, über Nacht in Wasser eingeweicht, 60 g Wasser, 2 Prisen Salz, 1 Prise Pfeffer, 1 Teelöffel Knoblauchpulver, 15 g Zitronensaft, 15 g Olivenöl
Die über Nacht eingeweichten Cashewkerne zusammen mit den anderen Zutaten in einen Mixer geben, fein pürieren und schon ist die weltbeste Cashew-Creme fertig.
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