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Milliarden für Forschung, doch Österreichs Innovation stockt

Österreich zählt bei den Ausgaben für Forschung und Innovation zu den europäischen Spitzenreitern. Doch die Milliardeninvestitionen schlagen sich kaum in marktfähigen Patenten nieder, im Ranking der Erlöse liegt Österreich nur auf Platz 17. Ein teures Systemproblem?
Julia Ehrensberger  •  6. März 2026 Redakteurin    Sterne  642
Der Forschungsrat FORWIT betont der Innovationsoutput in Österreich muss höher sein und die Gründe dafür sollten „effektiv und rasch adressiert werden.“ (Foto: Pexels/Edward Jenner)
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Österreich gibt so viel Geld für Forschung und Innovation aus wie kaum ein anderes Land in Europa. Trotzdem entstehen daraus kaum marktfähige Patente und Erlöse zu. Hier liegt Österreich nur auf Platz 17. Warum zahlen sich die milliardenschwere Forschungsinvestitionen so selten aus? 

Erst jüngst präsentierte die Regierung den neuen Forschungs-, Technologie- und Innovationspakt (FTI) für die Jahre 2027-2029 mit Staatsausgaben in Höhe von 5,49 Milliarden Euro. Damit investieren die Ministerien für Wissenschaft, Infrastruktur und Wirtschaft mehr als in der vorherigen Periode aus, in der es 5,05 Milliarden Euro waren. Die Gelder gehen an insgesamt elf Förderagenturen und Forschungseinrichtungen, die konkrete Aufteilung verhandelt die Regierung bis Herbst 2026. 

Bei den öffentlichen und privaten Forschungsinvestitionen liegt Österreich im europäischen Spitzenfeld, während die Erlöse aus den neuen Produkten nur mager ausfallen: Österreich liegt hier auf Platz 17.Bei den öffentlichen und privaten Forschungsinvestitionen liegt Österreich im europäischen Spitzenfeld, während die Erlöse aus den neuen Produkten nur mager ausfallen: Österreich liegt hier auf Platz 17. (Foto: Quelle: European Innovation Scoreboard 2025/ Grafik von Sara Grasel/Selektiv)

Österreich soll wettbewerbsfähig werden

Laut dem Wirtschaftsministerium soll der Fokus auf dem Wissenstransfer in die Praxis und auf der betrieblichen Forschung liegen. Dafür flossen heuer schon zusätzliche Mittel, wobei der größte Teil der dafür gewidmeten 76,6 Millionen aus dem Wirtschaftsministerium kommt.

Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer sieht in dem Schritt einen Notruf für die heimische Wirtschaft. Der Pakt soll den Rückgang der Wettbewerbsfähigkeit stoppen und der Deindustrialisierung entgegenwirken. Die Mittel fließen gezielt in zukunftsträchtige Branchen, stärken die technologische Unabhängigkeit und schaffen gut bezahlte Arbeitsplätze. Damit bildet der Pakt einen wichtigen Baustein der Industriestrategie 2035.

Lichtblicke in der Innovationsflaute

Trotz allgemein mäßiger Innovationen gibt es aus Österreich durchaus handfeste Erfolgsgeschichten. Der Niederösterreicher Kinderfahrrad‑Hersteller woom hat sich binnen weniger Jahre als international führender Anbieter hochwertiger Kinder‑ und Jugendräder etabliert und 2025 rund 149 Millionen Euro Umsatz erzielt, dabei mehr als zwei Millionen Fahrräder verkauft und seine Produktpalette kontinuierlich erweitert. Zubehör, Transportlösungen, Helme und sogar Rückkaufprogramme ergänzen die Produkte. Die Bikes sind so konzipiert, dass sie mit dem Kind „mitwachsen“.

NovoArc aus Wien revolutioniert den Biotech-Bereich. Das Unternehmen entwickelt eine einzigartige Lipidtechnologie, die Wirkstoffe wie Proteine oder mRNA-Therapeutika vor Abbau im Magen schützt und direkt im Darm verfügbar macht. Dadurch können Patienten, Medikamente, die sie bisher per Spritze erhielten, künftig einfach als Tabletten einnehmen, was bequemer und effizienter für die Therapie ist. 

Revo Foods aus Wien entwickelt pflanzenbasierte Meeresfrüchte-Alternativen, die die Firma mit eigenen 3D-Strukturierungstechnologien herstellt. Das Unternehmen ersetzt in seiner weltweit größten industriellen 3D-Lebensmitteldruck-Anlage tierische Produkte durch nachhaltige pflanzliche Varianten, die geschmacklich und in der Textur die faserige Struktur von Muskelfleisch nachahmen. Das erste Produkt, ein Mycoprotein-basiertes Lachs-Filet, ist in europäischen Supermärkten erhältlich.​

IV spricht sich gegen Förderungskürzung aus

Alles schön und gut aber doch stellt sich die Frage: Ist es sinnvoll in ohnehin wirtschaftlich angespannten Zeiten, einfach noch mehr Geld in ein Feld zu pumpen, das bislang noch keinen ausreichenden Output liefert? Schließlich gleichen die Forschungsförderungen eher der Gießkannenpolitik als einer gezielten Unterstützung vielversprechender Start-ups.

Die Industriellenvereinigung spricht sich gegen eine Kürzung der Forschungsinvestitionen aus: „Forschungsausgaben sind ein wichtiger Teil unserer Zukunftsvorsorge. Die derzeit diskutierten Kürzungen der Budgets der angewandten Forschung müssen daher vermieden werden, auch wenn die budgetäre Situation sehr angespannt ist”, sagte der Generalsekretär der Industriellenvereinigung Christoph Neumayer in einer Aussendung. 

Doch das Problem liegt tiefer. Strukturelle Schwächen bremsen Österreichs Innovationskraft und sie gelten seit Jahren als reformbedürftig. Genau hier setzt FORWIT, der Rat für Forschung, Wissenschaft, Innovation und Technologieentwicklung, an: Er untersucht, warum vieles bislang nicht funktioniert und welche Maßnahmen Österreich ergreifen müsste, um seine Innovationsleistung zu stärken. Die Gründe dafür sollen „effektiv und rasch adressiert werden, wenn wir den Output spürbar erhöhen wollen“, wie ein Sprecher gegenüber campus a betont.

Drei grundlegende Defizite der Innovationsperformance

Einerseits läge es am „fehlenden Product-Market Fit“, das heißt, es entstehen zwar Innovationen, die technisch brillant sein können, doch oft beachten die Erfinder zu spät, was der Markt wirklich braucht. Geniale Ideen bleiben ungenutzt, weil sie die Realität der Kunden oder Unternehmen verfehlen, bevor sie überhaupt die Chance bekommen, erfolgreich zu sein. 

Zweitens sei die „Geringe Speed-to-Product“ ein Problem. Die Wege von der Idee zum marktreifen Produkt sind in Österreich oft zu lang. Förderanträge, bürokratische Hürden und langsame Entscheidungsprozesse kommen mit dem rasanten Tempo globaler Technologie- und Marktzyklen nicht mit. Die Produkte kommen deswegen zu langsam auf den Markt und Österreich verliert an Wettbewerbsfähigkeit.

Das dritte Defizit sei die fehlende Nachhaltigkeit in der Finanzierung. Sobald ein Produkt ein höheren „Technologiereifegrad“ erreicht hat, also die Schritte von der Grundlagenforschung bis hin zur Prototypentwicklung absolviert hat, fehlt eine verlässliche Finanzierung. Denn um die Produkte auf den Markt zu bringen, braucht es Skalierung, das heißt ausreichende Gelder für Produktion, Vertrieb und Marketing. Oft fehlt es dann an geduldigem Eigenkapital, also über längere Zeit investiertes Geld, von Investoren ohne sofortige Renditeerwartung. Viele öffentliche Förderungen oder private Investitionen sind eher kurzfristig und decken nicht die oft mehrjährigen Phasen bis zum Markterfolg ab. Das führt dazu, dass Projekte stillstehen, wenn der Prototyp fertig ist, aber kein Geld mehr für Produktion, Marketing oder Vertrieb da ist.

Österreichische Unternehmen sollen wachsen

Doch wie will FORWIT dem entgegensteuern, wenn die Innovationsbremsen wie Bürokratie und langsame Entscheidungswege fest in der österreichischen Wirtschaftsmentalität verankert sind? Schon im September vergangenen Jahres hat FORWIT konkrete Vorschläge vorgelegt, wie der nächste FTI-Pakt mehr Wirkung entfalten könnte. 

Im Kern geht es darum, dass bislang zum FTI-Pakt parallellaufende Instrumente, wie die Industriestrategie oder die Hochschulfinanzierung, sinnvoll miteinander verknüpft sein sollten, damit Innovationen schneller vom Labor auf den Markt kommen. Gleichzeitig muss die Politik die Nachfrage nach Innovationen stärker ankurbeln, etwa durch „innovative öffentliche Beschaffung oder ambitionierte regulatorische Standards“. Besonders in Bereichen wie Sicherheit und Verteidigung bieten sich dafür Ansatzpunkte, da sie europaweit an Bedeutung gewinnen.

Und auch auf EU-Ebene setzt FORWIT laut einem Sprecher auf Bewegung: „Auf europäischer Ebene sollte sich Österreich für die Vollendung des Binnenmarkts engagieren, insbesondere für die Schaffung des EU-weiten Kapitalmarkts.“ Der würde maßgeblich dazu beitragen, „dass europäische, also auch österreichisches technologieintensive Unternehmen wachsen und global wettbewerbsfähig bleiben können,“ so der Sprecher weiter. 

FORWIT steht im engen Austausch mit der Regierung

Unter dem Kapitel „Forschungsgovernance“ plant die Regierung zudem, die bestehenden Maßnahmen für 2027 genau unter die Lupe zu nehmen, um ihre Wirkung zu steigern. FORWIT stehe dazu bereits im intensiven Austausch mit den politischen Entscheidungsträgern, betont der Sprecher. 

Österreich könnte sich innovationspolitisch nicht nur an den skandinavischen Vorreitern wie Dänemark und Schweden orientieren. Auch Kroatien zeigt, wie schnell Aufholprozesse gelingen können: Zwischen 2018 und 2025 legte das Land bei der Innovationsperformance um fast zwanzig Prozentpunkte zu. Ein Tempo, dass Österreich zu denken geben sollte, denn da können auch keine mitwachsenden Kinderräder oder 3D-gedruckter Fake-Lachs mithalten. So lobenswert die Denkanstöße von FORWIT auch sind: Angesichts des zähen Reformtempos in den heimischen Strukturen wäre es fast ein Wunder, wenn sie Österreich tatsächlich aus seinem Innovationstief führen würden.

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