„Perfect, one more“ (Perfekt, noch eins mehr), sagt die Barista lachend, als sie ein Foto von mir und meinem Smoothie macht. Ich kontrolliere kurz die Bilder, öffne Instagram und poste die Story. Dann nehme ich den ersten Schluck. Geld brauche ich nicht, der Post reicht als Bezahlung. Die App Beautypass macht das möglich.
Das klingt harmlos, fast unbedeutend. Es geht ja nur um einen Smoothie. Beautypass steht aber für einen größeren gesellschaftlichen Trend. Die „Aufmerksamkeitsökomie“ macht Social Media zur Währung. Wir bezahlen nicht mehr mit Geld, sondern mit Reichweite. Attraktivität wird in der App belohnt. Das steht ja schon im Namen.
Pretty Privilege heißt das. Also der Vorteil, den normschöne Menschen allein aufgrund ihres Aussehens genießen. Attraktive Personen werden häufiger eingestellt, besser bezahlt und allgemein positiver wahrgenommen. Aussehen wird zur sozialen Währung.
Im Alltag bleibt das meist subtil, bei Beautypass aber nicht. Die App macht Pretty Privilege zum Geschäftsmodell. Darin liegt die Idee, aber auch die Problematik der App: Nicht jede Person bekommt Zugang. Genau diese Selektion ist Kern des Konzepts.
Bereits beim Anmeldeprozess wird deutlich, welche Rolle Attraktivität und Reichweite bei Beautypass spielen, denn nur Content Creator*inen und Models wird der Zugang zur App gewährt. Nur wer schön ist, darf mitmachen.
Auch ich verknüpfe meinen Instagram Account und gebe meine Modelagenturen an. Mein Profil ist jetzt kein klassischer Nutzerinnen-Account mehr, vielmehr eine digitale Visitenkarte.
Mein Beautypass Profil (Foto: Miriam Löv)
Die Angebote in der App sind nach Reichweite gestaffelt. Erste Möglichkeiten eröffnen sich ab etwa 1.000 Follower*innen, exklusivere Deals häufig erst ab 5.000. Besonders begehrte Angebote gibt es erst mit über 10.000 Follower*innen oder einem kostenpflichtigen Premium-Abo. Nur wer viel Reichweite hat, kommt auch an die guten Gelegenheiten.
Mit meinen 1200 Instagram Follower*innen bekomme ich also nur Zugriff auf die Basisangebote. Schon aus Neugier probiere ich die in London einmal aus.
Die App bietet eine breite Palette an Kategorien. Von Restaurantbesuchen über Schönheitsbehandlungen bis hin zu Einladungen auf exklusive Veranstaltungen wie die Bali Fashion Week ist alles dabei. Auch in Österreich sehe ich einige Angebote.
Doch jeder dieser Deals ist an Bedingungen geknüpft. Manche Anbieter verlangen nur eine Instagramstory, andere einen ganzen Beitrag oder ein Reel. Einige fordern einen Post auf TikTok. Dabei reicht es nicht aus, nur das Produkt zu zeigen. Vielmehr soll ich mich selbst gemeinsam mit dem Erlebnis inszenieren und sowohl Beautypass als auch den jeweiligen Anbieter markieren.
Mein erster Test führt mich also zur Rawlala Juice Bar, einem Smoothie Laden in Hackney, nicht weit von der Londoner Innenstadt. Ich öffne Beautypass, wähle das Angebot aus, klicke auf die Reservierung und bekomme sofort die Bestätigung. Die zeige ich der Mitarbeiterin an der Theke und bestelle meinen „Green Smoothie“. Der Smoothie sieht super aus, perfekt für meine Instagram Story. Ich halte mich zurück, nicht sofort zu probieren. Zuerst muss ich ja die Anforderungen von Beautypass erfüllen.
Die Mitarbeiterin ist auffallend nett, fast schon überfreundlich. Was ich in London so mache und wie das mit der App so funkioniere, fragt sie. Am Ende bitte ich noch um ein Foto von mir und dem Getränk für meine Story. Erst nachdem ich gepostet und Beautypass markiert habe, habe ich auch „bezahlt“.
Instagram Story für meinen gratis Smoothie (Foto: Miriam Löv)
Mein nächster Termin mit Beautypass führt mich zu einem renommierten Friseursalon in Notting Hill. Michael John Guzzon passt perfekt zu Beautypass. Es wimmelt von Influencer*innen und Models. Alle wollen sehen und gesehen werden. Hier finden der Salon und die App zusammen.
Ich buche also meinen Termin für eine Haarmaske und einmal Föhnen. Mit der Bestätigung melde ich mich bei der Rezeption, da werde ich sehr herzlich empfangen. Die Mitarbeiterinnen beachten meine Reservierung nicht weiter, Beautypass-Kundinnen sind hier wohl schon Alltag. Nach der Behandlung machen wir Fotos und Videos. Der Termin kostet mich drei Instagram Stories. Ohne Beautypass wäre ich knapp 100 Pfund los.
Blowout bei Michael John Guzzon (Foto: Miriam Löv)
Kiss The Hippo Coffee wird während meines Aufenthalts in London zu meinem Lieblingscafé. Nicht nur wegen des Kaffees, sondern auch wegen der Atmosphäre. Minimalistisch, ruhig und genau die Art von Café, die man ständig auf Pinterest sieht. Ich zeige meine Reservierung und bestelle meinen Cappuccino mit Hafermilch. Sofort komme ich mit der Barista ins Gespräch. Sie fragt mich nach meinem Job und nach meinem Aufenthalt in London. Wir machen natürlich noch ein Foto. Ich muss mir den Cappuccino ja verdienen.
Ich trinke meinen Kaffee und überlege schon, wie ich ihn inszenieren kann. Ich mache doch noch weitere Bilder und Videos. Die poste ich auch sofort und markiere Beautypass und das Café. Zwei Instagram Stories später habe ich meine Requirements erfüllt.
So läuft eigentlich jede Reservation ab: buchen, posten, konsumieren, markieren und den Story Link an Beautypass schicken. Der Prozess wirkt unkompliziert, zeigt aber auch, wie stark die Plattform auf Gegenseitigkeit basiert. Dienstleistungen, Lebensmittel und Erfahrungen werden hier nicht mit Geld, sondern mit Reichweite und Inszenierung bezahlt.
Beautypass behält den Zugang zur App ausschließlich Models mit Agenturvertrag und Influencer*innen vor. So macht die App die Bedeutung von Schönheit und Reichweite deutlich. Wer nicht in dieses Bild passt, hat keinen Platz.
Das verstärkt bestehende gesellschaftliche Ungleichheiten. Was im Alltag oft implizit bleibt, wird hier klar und ohne Scham hervorgehoben. Gleichzeitig ist die App natürlich auch eine gute Möglichkeit für Shops, bekannter zu werden, und für Nutzer*innen, kostenlose Erfahrungen zu bekommen.
Die App zeigt, wie sehr unsere Gesellschaft mittlerweile von der „Aufmerksamkeitsökonomie“ geprägt ist. Wer Reichweite hat, bekommt Vorteile, kostenlose Produkte und exklusive Einladungen. Wer nicht bekannt oder normschön genug ist, bleibt außen vor.
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