Sexualität gehört auch im sozialpsychiatrischen Betreuungskontext zum Leben. Doch lange Zeit blieb sie dort ein heikles, oft verdrängtes Thema. Mit einer monatlichen Sprechstunde und neuen Begegnungsformaten zeigt unser Projekt, wie Enttabuisierung gelingen kann und warum sie so dringend notwendig ist.
An einem Mittwochnachmittag sitzt uns Herr X. (Name geändert) gegenüber, die Hände fest ineinander verschränkt. Er lebt seit einem Jahr in unserer Einrichtung. „Ich weiß nicht, ob ich das fragen darf“, sagt er leise. Dann schaut er kurz auf, fast entschuldigend: „Aber, darf ich eigentlich eine Freundin haben und Frauen kennenlernen?“ Es ist einer dieser Momente, die uns innehalten lassen. Nicht, weil die Frage ungewöhnlich wäre, sondern weil so wenige der Bewohner*innen sie stellen.
Rund ein Drittel der Einrichtungen im sozialpsychiatrischen Bereich bietet bislang strukturierte sexualpädagogische Angebote an. Gleichzeitig werden die Bewohner*innen vieler Einrichtungen zunehmend jünger. Themen wie Beziehung, Identität und Sexualität rücken stärker in den Alltag. Der Bedarf wächst, doch die Angebote hinken oft hinterher.
Genau hier setzt unser Projekt an. Als Sozial- und Sexualpädagogin hatte ich die Möglichkeit, in unserer Einrichtung gemeinsam mit Kolleg*innen ein sexualpädagogisches Konzept zu entwickeln. Schnell war klar: Ein Papier allein wird nichts verändern. Zu oft verschwinden solche Konzepte nach ihrer Fertigstellung in Ordnern, ohne im Alltag wirklich anzukommen. Deshalb wollen wir, fünf Kolleg*innen aus unterschiedlichen Professionen (psychiatrische Gesundheits- und Krankenpflege, Sozialarbeit, Ergotherapie, Psychologie, Sozial- und Sexualpädagogik) das Thema weitertragen. Uns war von Anfang an wichtig, dass unsere Arbeit nicht mit dem Konzept endet, sondern dort erst beginnt. Die Idee einer monatlichen Sprechstunde war geboren. Seit März 2025 bieten wir diese Sprechstunde nun regelmäßig an. Bewohner*innen können mit allen Fragen rund um Sexualität, Beziehungen und Körper zu uns kommen, ohne Anmeldung, ohne Druck. Gleichzeitig können auch Kolleg*innen unser Angebot nutzen, wenn sie im Betreuungsalltag auf Unsicherheiten stoßen, Unterstützung brauchen oder Fragen haben.
Die Resonanz hat uns selbst überrascht. Die Sprechstunde wird konstant gut angenommen, die Gespräche sind offen, ehrlich und oft sehr persönlich. Es zeigt sich: Der Bedarf war immer da, es fehlte lediglich der Raum.
Sexualität bewegt sich im sozialpsychiatrischen Kontext oft in einem Spannungsfeld. Auf der einen Seite steht der Schutzgedanke: Fragen nach Grenzen, Konsens oder möglichen Abhängigkeiten sind zentral. Auf der anderen Seite steht das Recht auf Selbstbestimmung, auch für Beziehungen und Sexualität. In der Praxis wurde lange vor allem der Schutz betont, während Bedürfnisse und Wünsche in den Hintergrund traten. Genau hier versuchen wir umzudenken. In unserer Arbeit geht es nicht darum, Risiken auszublenden, sondern sie einzuordnen und gleichzeitig Räume für positive Erfahrungen zu schaffen.
Ein wichtiger Teil davon ist die Enttabuisierung im Team. Deshalb bieten wir einmal jährlich einen Workshop für Kolleg*innen an, in dem das sexualpädagogische Konzept und die Grundeinstellung unserer Institution vermittelt wird und konkrete Fallbeispiele besprochen werden. Auch dieses Angebot wird intensiv genutzt. Ein Zeichen dafür, dass die Kolleg*innen dankbar für Orientierung sind.
Neben der Sprechstunde wollen wir langfristig, zusätzliche Angebote für unsere Bewohner*innen entwickeln. Formate wie „Slow-Dating“, gemeinsames Kochen, Wandern oder auch eine Disco sind in Planung oder finden bereits statt. Dabei geht es nicht nur um das Thema Sexualität im engeren Sinne, sondern um Begegnung, Austausch und soziale Teilhabe. Perspektivisch möchten wir diese Angebote auch für externe Interessierte öffnen. Denn viele unserer Bewohner*innen erleben ihren Alltag in einem relativ geschlossenen System. Möglichkeiten, neue Menschen kennenzulernen, sind begrenzt. Indem wir bewusst Brücken nach außen bauen, schaffen wir neue Chancen für Kontakte. Freiwillig, niederschwellig und in einem geschützten Rahmen.
Wenn ich heute an Herrn X. denke, fällt mir auf, wie viel sich verändert hat. Einige Wochen nach unserem ersten Gespräch kam er wieder in die Sprechstunde, diesmal mit einem kleinen Lächeln. „Ich habe jemanden kennengelernt“, sagte er. Es war kein großes Ereignis, kein Wendepunkt, der alles verändert. Aber es war ein Schritt. Und vielleicht ist genau das der Kern unserer Arbeit: Räume zu schaffen, in denen solche Schritte möglich werden. Ohne Scham. Ohne Tabu. Einfach als Teil eines selbstbestimmten Lebens.
Verfasse auch du einen Beitrag auf campus a.