Wien | Gesundheit | Meinung | Chronik | Kultur | Umwelt | Wirtschaft | Politik | Panorama
GesundheitInternationalFakten

Egoismus oder schon Narzissmus: was braucht es für Erfolg

Ein bisschen Egoismus hilft, um in bestimmten Bereichen erfolgreich zu sein. Aber wer ganz oben stehen will, braucht jemanden, der unten bleibt. Der Fall Benjamin Karl zeigte, wie das in der Praxis aussieht. Wo hört der gesunde Egoismus auf und wo fängt Narzissmus an?
Miriam Löv  •  20. Mai 2026 Volontärin    Sterne  54
Ist Erfolg mit Egoismus gekoppelt? (Foto: Pixabay)
X / Twitter Facebook WhatsApp LinkedIn Kopieren

„Ich habe gesagt, das geht nicht. Finanziell bin ich der Verantwortliche für diese vier Mäuler. Wenn ich Termine habe, dann muss das Priorität haben. Weil das ist das, was unser Leben finanziert. Da muss sie schon zurückstecken.“ Das sagt der Snowboard-Olympiasieger Benjamin Karl im Instagram-Podcast Mindgames über seine Ehefrau Nina, die nach zwei Jahrzehnten an seiner Seite mehr Zeit für sich selbst eingefordert hatte, etwa einen Mädelsurlaub.

Nina Karl hat zwei Jahrzehnte ihres Lebens in eine Karriere investiert, die nicht ihre eigene war. Dass sie nach all dieser Zeit Freiraum einfordert, ist kein Angriff auf ihre Ehe. Es ist eine fundamentale menschliche Forderung nach Anerkennung und Selbstbestimmung. Dass ihr Mann dies als Loyalitätsbruch wertet, sagt mehr über Machtstrukturen in Partnerschaften aus als über ihre angebliche Undankbarkeit.

Brauchen wir Ego, um erfolgreich zu sein?

Die Frage, die der Fall Karl aufwirft, ist auch eine über unser Verständnis von Leistung. Ist ein großes Ego also eine Karrierebedingung?

Das sei nicht automatisch so, sagt die Psychologin Sabine Schneider. Erfolg allein sage nichts über die Persönlichkeit eines Menschen aus. Viele erfolgreiche Personen seien ehrgeizig, leistungsorientiert, durchhaltend und verfügten über ein gesundes Selbstvertrauen. Das sei keineswegs pathologisch, sondern häufig einfach nur eine wichtige Voraussetzung für beruflichen Erfolg.

Gleichzeitig, so Schneider, gebe es bestimmte Bereiche, insbesondere öffentliche oder leistungsorientierte Systeme, in denen narzisstische Persönlichkeitszüge stärker belohnt werden. Menschen, die sich gut inszenierten, sehr konkurrenzorientiert seien oder stark nach Anerkennung strebten, fielen dort oft besonders auf. Das bedeute aber noch lange nicht, dass eine narzisstische Persönlichkeitsstörung vorliege.

Narzissmusdiagnose aus dem Kommentarfeld

Einen narzisstischen Persönlichkeitsstil attestierten viele Nutzer*innen Karl in den Kommentarspalten auf Instagram. „Das ist kein emotionaler Konflikt, sondern Erpressung im Machtgefälle“, schrieb eine Nutzerin.

Schneider definiert Narzissmus als die starke Beschäftigung mit dem eigenen Selbstwert, der eigenen Wirkung auf andere und der Frage, wie man von anderen wahrgenommen wird. Bis zu einem gewissen Grad sei dies völlig normal, jedoch werde es problematisch, wenn das eigene Selbstwertgefühl sehr instabil ist und ständig von außen reguliert werden muss.

Nach außen wirkten Menschen mit stark ausgeprägten narzisstischen Anteilen oftmals sehr selbstsicher, anderen überlegen oder besonders kontrolliert und kontrollierend, so die Psychologin. Dahinter verberge sich jedoch große Unsicherheit, Kränkungen in der Kindheit oder Minderwertigkeitsgefühle.

Haus mit Pool im Gegenzug für eigene Bedürfnisse

Was Karls Aussagen hingegen durchaus zeigen, sei ein egozentriertes Weltbild: Die eigene Karriere als absolute Voraussetzung für das gemeinsame Leben, die Bedürfnisse der Partnerin als Variable, die sich dem anzupassen hat. Das ist nicht zwingend Narzissmus, aber es ist die Logik vieler Hochleistungssportler, die gelernt haben, ihr Umfeld als Ressource zu betrachten.

 „Sie wollte früh heiraten, sie wollte zwei Kinder haben, sie wollte das Haus haben, sie wollte einen Pool haben. Sie wollte dieses Leben, das wir jetzt haben, genau so haben“, sagt Karl im Podcast. Als die Spannungen über ihre aktuellen Bedürfnisse eskalierten, stellte er ihr nachts im Bett ein Ultimatum: Entweder sie füge sich, oder die Ehe sei vorbei, so Karl im Podcast.

Nach dem Skandal verschwindet der Podcast

Am nächsten Morgen sei seine Frau irgendwie ein anderer Mensch gewesen, berichtet Karl. Für ihn sei das kein Warnsignal, sondern ein Beweis gewesen, dass sein System funktioniere. Dass sie nicht überzeugt worden war, sondern kapituliert hatte, schien ihm nicht aufzufallen.

Kurz darauf wurden die Podcastfolge und die dazugehörigen Social Media Videos auf Karls Wunsch offline genommen. Auch ein angekündigter TV-Auftritt bei Sport und Talk im Hangar 7 wurde kurzfristig wieder abgesagt.

Die österreichische Geschlechterforscherin Elli Scambor zeigte sich über Karls Haltung nicht erstaunt. Überraschend sei gewesen, wie offen er seine Haltung formuliert habe, sagt die Forscherin in einem Artikel im SRF. Sie sehe darin ein bekanntes Muster. Der Mann bestimme die Bedingungen der Beziehung. „Care Arbeit“ wie Kochen, Kinderbetreuung und das Management des Alltags bleibe unsichtbar und unbezahlt, solange die Frau funktioniere. Erst wenn Frauen aufbegehrten, würden sie sichtbar, sagt Scambor. Aber nur als das vermeintliche Problem.

Kein Einzelfall, sondern ein bekanntes Muster

Beziehungen wie die von Nina und Benjamin Karl ziehen sich durch den Spitzensport. Weitere Beispiele zeigen: Sie sind keine Ausnahme, sondern stehen symptomatisch für eine ganze Kultur.

Mirka Federer war selbst Tennisspielerin, bevor sie 2002 ihre Laufbahn wegen einer chronischen Fußverletzung beendete. Danach wurde sie Managerin ihres Mannes Roger. Sie organisierte Termine, koordinierte Sponsorenkontakte, kümmerte sich um Public Relations und schirmte das Privatleben der Familie ab. Zwei Jahrzehnte lang, bei jedem Turnier der Welt, im Hintergrund. Roger Federer gewann derweil alles, was es zu gewinnen gab.

Mirka sagte damals, wenn er gewinne, sei es als ob sie auch gewinnen würde. Ein Satz, der berührt, aber auch zeigt, wie vollständig eine Frau ihre eigene Identität in die eines anderen aufgelöst hatte. Ob das ihre freie Wahl war oder die einzig mögliche Rolle, die ihr das System ließ, bleibt offen.

Ana Ivanovic war 2008 Nummer eins der Tennisweltrangliste, gewann die French Open, wurde zum Weltstar. Nach ihrer Heirat mit dem deutschen Fußballspieler Bastian Schweinsteiger zog sie von Stadt zu Stadt, wohin immer seine Karriere ihn führte. 2016 beendete sie ihre Tenniskarriere mit 29 Jahren, zu einem Zeitpunkt, an dem viele Spielerinnen noch auf ihrem Höhepunkt sind. Sie war Weltranglistenerste. Er war Weltmeister. Nur einer von beiden hat die Karriere des anderen mitgezogen.

Egoismus versus Narzissmus: ein wichtiger Unterschied

Egoismus ist die Tendenz, die eigenen Interessen über jene anderer zu stellen. Er kann bewusst sein, situativ auftreten und muss kein stabiles Persönlichkeitsmerkmal darstellen. Spitzensportler, die konsequent ihre Trainingszeiten priorisierten, handelten egoistisch, sagt Schneider. Er oder sie stelle die Frage „Was bringt mir das?“ an erste Stelle. Das sei in gewissem Rahmen funktional und sogar notwendig für Leistung.

Narzissmus gehe tiefer, sagt die Psychologin. Es gehe nicht nur darum, was man will, sondern darum, wer man ist. Narzissten seien überzeugt, besonders, einzigartig und zu Sonderrechten berechtigt zu sein. Sie bräuchten konstante externe Bestätigung, reagierten auf Kritik oft mit Wut oder Verachtung und seien strukturell unfähig, echte Empathie zu empfinden. Bewunderung, Aufmerksamkeit, Kontrolle oder Überlegenheit bekämen dadurch eine ganz besondere Bedeutung, so Schneider.

Der Unterschied ist klinisch relevant, aber auch gesellschaftlich wichtig. Wer jeden egomanen Typen als Narzissten bezeichnet, verwässert einen Begriff, der Menschen hilft, destruktive Muster in zwischenmenschlichen Beziehungen zu erkennen.

Care Arbeit ist kein Liebesbeweis. Sie ist Arbeit.

Was Benjamin Karl demonstriert, ist eine andere Spielart von Erfolg. Erfolg, der auch auf unsichtbarer Arbeit seiner Frau aufgebaut ist und diese Arbeit nicht anerkennt. Feministinnen nennen das seit Jahrzehnten beim Namen. Care Arbeit, also alles, was Frauen im Hintergrund leisten, damit Männer im Vordergrund glänzen können. Diese Arbeit wird von Narzissten weder finanziell noch emotional entlohnt, es zählt nur der eigene Erfolg. Das ist kein Erfolgsrezept für Partnerschaften auf Augenhöhe, das ist ein Schuldenmodell. Die Zeche zahlen am Ende meist diejenigen, die schweigen, bis sie es nicht mehr können. Und das sind, das zeigen Studien immer wieder, Frauen.


Ärztekammer-Preis für Gesundheitsjournalismus
campus a-Preis für Nachwuchsjournalismus

Werde Teil der campus a-Redaktion!

Verfasse auch du einen Beitrag auf campus a.

Empfehlungen für dich

Kommentar
0/1000 Zeichen
Advertisement