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Kulturwettbewerbe werden von der Politik überschattet

Der Eurovison Song Contest wollte einmal Europa mit Musik verbinden. Heute diskutiert der Kontinent lieber darüber, welche Länder überhaupt noch auftreten dürfen. Warum Kulturwettbewerbe wie der ESC, das Filmfestival in Cannes oder die Biennale zunehmend zu geopolitischen Schlachtfeldern werden und warum daran eigentlich niemand überrascht sein sollte.
Georg Krierer  •  17. Mai 2026 Redakteur    Sterne  360
Rund um den diesjährigen Eurovision Song Contest 2026 entzündete sich eine hitzige Debatte an der Teilnahme Israels. (Foto: APA-Images / Tobias Steinmaurer)
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„Der Finalplatz für Israel ist garantiert“, sagte Moderator Andi Knoll noch bevor der israelische Kandidat Noam Bettan beim ersten ESC-Halbfinale in Wien überhaupt einen Ton gesungen hatte. Ein typischer Satz von „Mr. Song Contest“, wie Knoll rund um das jährliche Musikspektakel gerne genannt wird. Diesmal klang er allerdings weniger nach ESC-Erfahrung als nach geopolitischer Lageeinschätzung.

Denn rund um den diesjährigen ESC diskutiert Europa längst nicht mehr darüber, wer schief singt oder wer wieder eine LED-Wand im Wert eines Einfamilienhauses verbrannt hat. Stattdessen geht es um dieselbe Frage: Sollte Israel überhaupt teilnehmen dürfen? Dort beginnt die Ironie dieser Debatte.

Außenpolitik mit Glitzerkanonen

Ausgerechnet in Österreich wird darüber diskutiert, ob Israel von einer internationalen Kulturveranstaltung ausgeschlossen werden sollte. Also Österreich. Jenes Land, das Jahrzehnte brauchte, um seine eigene Rolle im Nationalsozialismus halbwegs ehrlich aufzuarbeiten, entdeckt nun ausgerechnet beim ESC sein geopolitisches Gewissen.

Das heißt nicht, dass die Kritik an der israelischen Regierung unberechtigt ist. Die Bilder aus Gaza sind verheerend. Internationale Gerichte beschäftigen sich mit möglichen Kriegsverbrechen. Weltweit wächst die Wut auf die Regierung von Benjamin Netanyahu. Irgendwann wollen Menschen nicht mehr zwischen Raketenmeldungen und Europop umschalten, als wäre nichts passiert.

Problematisch wird die Debatte dort, wo sich die Wut auf die israelische Regierung plötzlich auf jüdische Künstler überträgt. Egal, ob sie Benjamin Netanyahu unterstützen oder ablehnen. Egal, ob religiös, säkular oder atheistisch. Aus einem Sänger wird plötzlich ein Stellvertreter eines gesamten Staates.

Auch Noam Bettan steht beim ESC nicht als Mitglied der israelischen Regierung auf der Bühne, sondern als Musiker. Trotzdem wird seine Teilnahme automatisch politisch gelesen. An diesem Punkt verwandelt sich legitime Kritik an einer Regierung in pauschale Zuschreibungen gegenüber jüdischen Künstlern.

Die IHRA-Definition beschreibt Antisemitismus als eine Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden, die sich als Hass gegenüber jüdischen Menschen ausdrückt. Deshalb wird die Debatte heikel, sobald jüdische Künstler pauschal zu politischen Projektionsflächen werden. Dann geht es irgendwann nicht mehr nur um Regierungspolitik oder den Krieg in Gaza, sondern um die alte Vorstellung, dass „die Juden“ kollektiv für alles verantwortlich seien, was Israel tut.

Die israelische Regierung lässt sich scharf kritisieren, ohne daraus einen kulturellen Loyalitätstest für jüdische Künstler zu machen. 2026 scheint selbst das keine Selbstverständlichkeit mehr zu sein.

Warum plötzlich jede Bühne politisch wird

Der ESC behauptet seit Jahren mit bemerkenswerter Konsequenz, unpolitisch zu sein. Gleichzeitig marschieren dort Nationen mit Flaggen ein, verteilen Punkte nach geopolitischer Sympathie und feiern Siege wie kleine außenpolitische Triumphe. Der Wettbewerb funktioniert ungefähr wie eine Mischung aus Musikshow, Fußball-EM und UNO-Generalversammlung mit Pyrotechnik. Natürlich wird daraus Politik.

Und der ESC ist längst nicht das einzige Beispiel. Beim Cannes Film Festival, das diese Woche wieder den roten Teppich ausrollt, kämpfen Fotographen um die besten Bilder, während Filmschaffende offene Briefe gegen Israels Teilnahme unterschreiben. Und auch bei der Biennale in Venedig, die vergangene Woche eröffnet wurde, diskutiert die Kunstwelt weniger über Installationen oder Ausstellungen als über Boykotte und Nationalpavillons. Russische Künstler werden ausgeladen, bei israelischen Beiträgen wird protestiert, Sponsoren moralisch überprüft. Kulturinstitutionen behaupten weiterhin Neutralität, obwohl rundherum längst jeder weiß, dass sie nicht mehr existiert.

Diese Veranstaltungen basieren von Anfang an auf Nationalrepräsentation und tun trotzdem jedes Jahr überrascht darüber, dass plötzlich Politik hineinrutscht.

Beim ESC spürt man das besonders: Wer Länder gegeneinander antreten lässt, bekommt irgendwann eben keine reine Musikshow mehr. Sondern Außenpolitik mit Nebelmaschine. Irgendwer steht immer als Nächster auf der Ausschlussliste.

Früher endeten ESC-Streitigkeiten bei schlechten Jurywertungen. Heute wird jeder Auftritt innerhalb von Sekunden zur globalen Timeline-Debatte. Kulturveranstaltungen finden nicht mehr nur auf Bühnen statt, sondern gleichzeitig in Millionen Kommentarspalten.

Russland ausgeschlossen. Israel umstritten. Nächstes Jahr wird vielleicht die Slowakei wegen ihrer EU-feindlichen Regierung ausgeschlossen. Danach Aserbaidschan wegen Bergkarabach. Irgendwann bleiben beim ESC nur noch Luxemburg, Island und ein panflötenspielender Typ aus San Marino übrig, der darüber singt, wie schön europäische Werte sind.

Der ESC als geopolitischer Stresstest Europas

Dabei war die ursprüngliche Idee solcher Veranstaltungen eigentlich einmal erstaunlich vernünftig. Der ESC entstand nach dem Zweiten Weltkrieg als europäisches Versöhnungsprojekt. Länder sollten gemeinsam auf einer Bühne stehen, obwohl sie wenige Jahre davor noch gegeneinander Krieg geführt hatten. Kultur sollte genau dort stattfinden, wo Politik scheitert.

Heute passiert fast das Gegenteil. Kultur wird zunehmend zum moralischen Eignungstest für Staaten. Und plötzlich diskutiert Europa weniger darüber, welches Lied gewinnt, sondern welche Nation überhaupt noch auftreten darf.

Der ESC ist dadurch mittlerweile weniger Song Contest als jährlicher Stresstest für Europas geopolitisches Nervensystem. So entwickelt plötzlich sogar ein lockerer Andi-Knoll-Satz politische Sprengkraft.  


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