Wien | Gesundheit | Meinung | Chronik | Kultur | Umwelt | Wirtschaft | Politik | Panorama
KulturInternationalFakten

Kritzeln beim Telefonieren: Was das über uns verrät

Während die einen beim Telefonieren mit der besten Freundin gedankenverloren Kreise oder Blumen auf ein Blatt Papier zeichnen, malen die einen Kästchen auf dem Block aus. Doch woher kommt diese merkwürdige Angewohnheit und was sagen die Kritzeleien eigentlich über uns aus?
Julia Ehrensberger  •  2. Dezember 2025 Redakteurin    Sterne  568
Wer beim Telefonieren kritzelt kann sogar seine Gedächtnisleistung steigern. (Foto: Pexels)
X / Twitter Facebook WhatsApp LinkedIn Kopieren

Fast jeder kennt es. Das Handy klingelt, das Gespräch beginnt, und während wir zuhören, wandert der Stift wie von selbst über das Papier. Ob Kreise, Dreiecke, Häuser oder Blumen, Kritzeleien sind für viele Menschen ein unbewusstes Ritual beim Zuhören. Doch warum passiert das? Und was verraten die Formen über unsere Psyche?

Der Verhaltenspsychologe Alfred Gebert erklärt dieses Phänomen so: „Das reine Zuhören überfordert viele Menschen. Durch das Zeichnen bauen sie überschüssige Energie ab.“ In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich Gebert intensiv mit dem Thema beschäftigt. In seinen Vorlesungen ließ er regelmäßig die Kritzeleien seiner Studierenden einsammeln und ergänzend Fragebögen ausfüllen. So konnte er Muster erkennen und Rückschlüsse auf die Bedeutung verschiedener Motive ziehen.

Blumen, Herzen oder Kästchen

Demnach sind Kringel und Schlangenlinien typisch für sensible Menschen mit feinen Antennen, während Kreise und Spiralen auf Personen hinweisen, die kleinste Stimmungsveränderungen anderer intuitiv wahrnehmen. Pfeile und Kreuzchen werden häufig von kreativen, aber auch rationalen Menschen gezeichnet, die ungern Risiken eingehen. Wer hingegen Buchstaben oder Herzen aufs Papier bringt, sucht oft nach der richtigen Balance zwischen Verstand und Gefühl. Tiere und Blumen deuten auf eine fröhliche, humorvolle und harmoniesuchende Persönlichkeit hin, während Kästchen, Gitter und geometrische Formen einen klaren, analytischen Verstand verraten.

Menschen, die Häuser zeichnen, verbinden Kreativität mit Rationalität, sie neigen allerdings dazu, Dinge zu sagen, die leicht missverstanden werden können. Strichmännchen gelten als Zeichen für einen optimistischen, lebensfrohen Typ, und Gesichter spiegeln eine positive Lebenseinstellung sowie die Fähigkeit wider, über sich selbst lachen zu können. Gebert betont: „Beim Kritzeln wird nicht bewusst nachgedacht, es geschieht automatisch.“ Die Betroffenen seien oft hochkonzentriert und könnten sich trotzdem gut merken, was im Gespräch gesagt wird.

Kritzeln steigert die Gehirnleistung

Auch wissenschaftliche Studien bestätigen den Nutzen des scheinbar beiläufigen Gekritzels. Die Psychologin Jackie Andrade fand 2009 heraus, dass Menschen, die beim Zuhören kritzeln, sich deutlich mehr merken können. In einem Gedächtnistest erinnerten sich die Kritzler an 29 Prozent mehr Inhalte als jene, die nur zuhörten. Englische Studien kamen sogar auf eine Steigerung der Gedächtnisleistung um bis zu 30 Prozent.

Auch Michael Mingen von der Technischen Universität Ostwestfalen-Lippe bestätigt diesen Effekt: „Durch Kritzeleien aktivieren wir uns selbst, um Inhalte zu verarbeiten und nicht mit den Gedanken abzuschweifen“, erklärte er gegenüber MDR Wissen.

Denn durch das Zeichnen bleibt das Gehirn aktiv. Kritzeleien sind im Grunde kleine Tagträume auf Papier, sie entstehen unbewusst, während wir uns auf eine andere Tätigkeit konzentrieren. Dabei spiegeln sie oft die momentanen Gefühle des Zeichners wie Angst, Freude oder Liebe wider.


campus a-Preis für Nachwuchsjournalismus

Werde Teil der campus a-Redaktion!

Verfasse auch du einen Beitrag auf campus a.

Empfehlungen für dich

Kommentar
0/1000 Zeichen
Advertisement