Cajetan Hammerl, 29, Einkaufs-Chef eines mittelständischen Wiener Unternehmens, ist beeindruckt. Er hat fürs Büro zum ersten Mal Getränke online bestellt und dabei bemerkt, dass er so nicht nur das Problem mit der Schlepperei lösen kann. „Die haben auch die leeren Gebinde mitgenommen, die sich bisher bei uns in Säcken gesammelt haben, weil sich niemand zuständig fühlt“, sagt er. Getränke kommen in der Firma mit Sitz in der Mariahilfer Straße seither immer von gurkerl.at und wenn Hammerl keine Zeit mehr für den abendlichen Privateinkauf haben wird, bestellt er jetzt tagsüber auch seine Joghurts und sein Pesto bei dem Online-Anbieter.
Mit Billa hat sich jüngst der letzte österreichische Handelsriese aus dem Online-Lebensmittelmarkt zurückgezogen. Während der Lockdowns boomte dieses Geschäft, doch seither zahlt sich für die Marktführer der Aufwand nicht mehr aus. gurkerl.at tut genau das Gegenteil. Firmen-Chef Olin Novák will die Lücke nützen und expandieren.
Aus gutem Grund. Beratungsunternehmen prophezeien einen möglichen Marktanteil für die Branche von bis zu dreißig Prozent in Europa bis 2030. Österreich ist davon mit aktuell drei Prozent weit entfernt. Der Markt wachse aber, glaubt Novák. Auch andere wittern die Chance. Konkurrent Alfies reagiert ebenfalls mit einer Ausweitung des Geschäfts und will im Raum um Graz fußfassen.
gurkerl.at wurde im Jahr 2020 als Start-Up der tschechischen Rohlik Group gegründet, die in mehreren europäischen Ländern Eigentümer von Online-Lebensmittelunternehmen ist. Bis jetzt schreibt das Unternehmen Verluste, laut New Business belief sich der kumulierte Bilanzverlust bis 2023 auf rund siebzig Millionen Euro. Der Mutterkonzern ist in Tschechien, Ungarn und München bereits in den grünen Zahlen, in Wien erhofft man sich für 2026 ebenfalls ein positives Jahresergebnis.
Das vollautomatisierte Logistikzentrum in Wien Liesing soll den Sprung in die Profitabilität ermöglichen. Das hochmoderne Lager punktet mit dem Einsatz von Robotik und KI und bereitet die Waren automatisch zur Zustellung vor. Das ist effizient und spart Kosten, vor allem beim Personal. Die Technologie des Mutterkonzerns liefert den Vorteil gegenüber der Konkurrenz, seit der Inbetriebnahme des Lagers im Oktober 2024 sind die Verkäufe stark gestiegen. Bis zu 100.000 Bestellung gehen monatlich ein. 93 Prozent der erfolgten Aufträge gelten als „perfekte Lieferungen“, ohne Verspätung oder Reklamation.
Die Investoren scheinen Rohlik zu vertrauen. Eine Investitionsrunde im Jahr 2024 brachte der Gruppe 160 Millionen Euro neues Wachstumskapital. Tomáš Čupr, Gründer und CEO von Rohlik tritt in einer Aussendung selbstbewusst auf: „Die neue Finanzierungsrunde wird unser Wachstum beschleunigen, ermöglicht die Eröffnung neuer Logistikstandorte in 15 Städten und setzt einen neuen Standard für den Online-Lebensmittelhandel in ganz Europa“.
Die Konzernführung will in den kommenden Jahren sogar den Börsengang wagen. Sie hat Grund zur Zuversicht, im Geschäftsjahr 2024/2025 lieferte sie mit 1.1 Milliarden Euro Umsätzen ein neues Rekordergebnis.
Unentschlossene finden bei gurkerl.at eine Reihe von Rezepten. Risotto mit Garnelen oder vitaler Frühstücksshake? Mit einem Click landen die Zutaten im virtuellen Einkaufswagen und werden ab einem Einkauf in der Höhe von 79 Euro sogar gratis von den 160 Botinnen und Boten geliefert. Für Eltern mit Kindern unter zwölf Jahren ist eine Mitgliedschaft im „Gürkchen-Club“ möglich. Mini-Gurken aus Spanien sind dann etwa um zwanzig Prozent vergünstig. Mit Rabatten und speziellen Angeboten für Familien baut gurkerl.at Bestandskundschaften auf.
gurkerl.at will sich von den Handelsketten auch mit ergänzenden Produktkategorien abheben, neben fertigen Gerichten von Wiener Restaurants liefert die Rohlik-Tochter auch rezeptfreie Medikamente. Das Unternehmen präsentiert sich dabei umweltbewusst. Lebensmittel mit baldigem Verfallsdatum sind im Preis reduziert. Ein Maishändelfilet kostet dann statt 22,32 nur 6,69 Euro.
Einer der Verkaufsschlager von gurkerl.at im Jänner war der alkoholfreie Schaumwein. Das Unternehmen reagierte damit auf den „Dry January“-Trend, der dazu aufruft, einen Monat keinen Alkohol zu trinken. gurkerl.at zeigt hier, was es, außer Pfandgebinde mitzunehmen, noch so alles kann: Der handgebraute Bio-Kombucha Lemon-Ginger aus dem gurkerl-Angebot kommt eisgekühlt an die Haustür.
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