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Ernährungstrends: Heute Hype, morgen vergessen

Detox, Keto, Intervallfasten. Gestern waren sie noch überall präsent und heute sind sie kaum mehr ein Thema. Ernährungstrends kommen und gehen schneller als je zuvor. Was bleibt von ihnen, wenn der Hype vorbei ist? Und welcher Trend kommt als nächstes?
Michelle Charlotte Felser  •  11. Mai 2026 Volontärin    Sterne  48
Zwischen Fitness-Hype, Verzicht und der Suche nach der „richtigen“ Ernährung. (Foto: Pixabay)
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„Zwei Shakes am Tag, eine kleine Mahlzeit und du wirst gute Ergebnisse sehen. Wenn du dich daran hältst, funktioniert es.“ Mit solchen klaren Versprechen wirbt Fitness-Influencer Christian Wolf in einem seiner Instagram-Videos für die sogenannte „WPF Challenge“.

Hinter der Challenge steckt das Unternehmen ,,More Nutrition“, das Wolf mit aufgebaut hat. Das Prinzip der Diät ist simpel: Über mehrere Wochen ersetzen Teilnehmer zwei Mahlzeiten am Tag durch proteinreiche Shakes, ergänzt durch eine kleine, kalorienarme Mahlzeit. Kombiniert wird das Ganze mit festen Ernährungsregeln, täglichen Routinen und einer starken Community auf Social Media.

Gerade diese Mischung aus einfacher Struktur, schnellen Erfolgsversprechen und ständig sichtbaren Vorher-Nachher-Ergebnissen macht die Challenge so erfolgreich und gleichzeitig auch kontrovers. Kritiker sehen ein einseitiges Verständnis von Ernährung und Körperbildern. Trotzdem zeigt der enorme Erfolg der WPF Challenge, wie moderne Fitness-Trends heute funktionieren. Sie sind nicht nur Ernährungsformen, sondern funktionieren gleichzeitig als Lifestyle und Geschäftsmodell.

Die WPF Challenge ist kein Einzelfall. Intervallfasten, Goji-Beeren, Low Carb, Keto, Paleo oder Saftkuren waren alle einmal Gesprächsthemen. Jeder war dabei, aber nicht auf Dauer. Was bleibt von den Trends, wenn keiner mehr darüber spricht? 

Das Versprechen schneller Erfolge

Keto, Saftkuren, Intervallfasten. Sie alle versprechen schnelle Erfolge, mehr Energie und Gesundheit. Kurzfristig kann das oft funktionieren, doch langfristig fällt es vielen schwer, die strengen Regeln einzuhalten.

Die ketogene Ernährung setzt auf sehr viel Fett und kaum Kohlenhydrate. Der Körper soll in eine sogenannte ,,Ketose“ geraten und Fettreserven verbrennen. Kurzfristig funktionierte das für viele die abnehmen wollten, doch der strikte Verzicht auf Brot, Reis und Obst ist schwer durchzuhalten. Viele gaben nach Wochen auf. Heute ist Keto eher etwas für eine kleine, sehr überzeugte Gruppe.

Saftkuren erlebten ebenfalls einen großen Hype. Sie sollten den Körper in wenigen Tagen „entgiften“. Sieben Tage nur flüssige Säfte. Und feste Nahrung? Fehlanzeige.

Die Ernährungswissenschaftlerin und Geschäftsführerin von forum.ernährung heute, Marlies Gruber, erklärt das so: Der „Detox“-Gedanke spreche vor allem das Bedürfnis nach Neubeginn an. Tatsächlich gebe es jedoch keine „Schlacken“ im Körper und für die Entgiftung seien Leber und Nieren zuständig. Die Vorstellung, man könne sich mit Säften „reinwaschen“, sei daher wissenschaftlich nicht haltbar.

Beim Intervallfasten geht es nicht darum, bestimmte Lebensmittel komplett zu verbieten, sondern vor allem darum, wann gegessen wird. Viele Menschen essen dabei nur in einem festen Zeitfenster, zum Beispiel acht Stunden am Tag, und fasten die restlichen 16 Stunden. Anders als viele andere Ernährungstrends ist Intervallfasten aber nicht komplett verschwunden. Zwar ist der große Hype etwas abgeflacht, trotzdem gehört die Methode für viele inzwischen fest zum Alltag

Warum solche Trends anfangs so überzeugend wirken, erklärt Gruber so: ,,Sie versprechen schnelle, sichtbare Effekte und geben in einer komplexen Ernährungswelt einfache Orientierung. Kurzfristige Erfolge wirken überzeugend, sind aber kein Beleg für langfristigen Nutzen“, erklärt sie. Entscheidend sei, ob eine Ernährungsweise dauerhaft gesund, alltagstauglich und ausgewogen ist, genau daran fehle es oft.

Der kurze Hype-Zyklus

Eine Studie der Technical University of Denmark aus dem Jahr 2021 analysierte Millionen von Online-Beiträgen und kommt zum Ergebnis: Die kollektive Aufmerksamkeit im Netz verschiebt sich immer schneller. Inhalte erreichen rasch ihren Höhepunkt und werden kurz darauf von neuen Themen verdrängt. Ernährungstrends folgen genau diesem Muster, denn sie sind plötzlich überall präsent und verlieren ebenso schnell wieder an Bedeutung.

Gruber erklärt: ,,Ernährungstrends sind oft ein Spiegel gesellschaftlicher Sehnsüchte. Verändern sich diese, etwa von schneller Entgiftung hin zu mehr Achtsamkeit, wandeln sich auch die Trends.“ Zudem leben sie stark von Medienaufmerksamkeit: Sobald das Neue zur Routine wird, verliert es seinen Reiz.

Zwischen Versprechen und Nebenwirkungen

Online sieht vieles sehr einfach aus. Im echten Leben ist es aber anders und der Magen knurrt oft durchgehend. Wer zu wenig Ballaststoffe, kaum Proteine oder zu viel Zucker zu sich nimmt, merkt das schnell, denn die Energie fehlt und der Körper spielt nicht mehr mit. 

Besonders bei Trends mit schnellen Erfolgsversprechen gerät aus dem Blick, was langfristig zählt: eine ausgewogene Ernährung, die sich im Alltag umsetzen lässt. 

Problematisch werde es, wenn Ernährungstrends einseitig sind, ganze Lebensmittelgruppen ausschließen oder den Alltag erschweren, sagt Gruber. Dann drohen Nährstoffmängel, unnötige Einschränkungen und ein gestörtes Verhältnis zum Essen. Besonders kritisch seien Konzepte, die ohne medizinische Grundlage mit extremen Verzichtsregeln arbeiten.

Nicht nur anstrengend, sondern gefährlich

Manche Trends gehen noch weiter, denn hier wird es nicht nur anstrengend, sondern auch gefährlich. Besonders radikale Saftkuren, bei denen mehrere Tage nur flüssige Obst- und Gemüsesäfte erlaubt sind, bringen den Körper schnell an seine Grenzen. Die Zahl auf der Waage sinkt vielleicht kurzfristig, aber gleichzeitig fehlen wichtige Nährstoffe. 

Besonders gefährlich sind Crash-Diäten, die mit 800 Kalorien am Tag werben. In der Praxis bedeutet es Hunger, schlechte Laune und oft das Gegenteil des gewünschten Effektes. Gesund ist das nicht, viel Aufmerksamkeit bekommt es trotzdem. 

Wenn aus Ernährung ein Business wird

Industrie und Influencer profitieren am meisten von Ernährungstrends. Die klaren Regeln, schnelle Ergebnisse und große Versprechen lassen alles ganz einfach erscheinen und sorgen für Reichweite und Umsatz. 

Ein Beispiel dafür ist auch die WPF Challenge, die Christian Wolf auf Instagram bewirbt. Die Challenge wurde in den vergangenen Monaten millionenfach geklickt und zeigt, wie eng Fitness-Content und Vermarktung inzwischen wirklich verbunden sind. Während Teilnehmer:innen ihre Fortschritte teilen, werden gleichzeitig die passenden Produkte der Marke More Nutrition mitverkauft.

Lilly, 22 Jahre alt, studiert Jus und hat die Challenge im Oktober 2025 ausprobiert. „Es sah einfach aus und irgendwie hatte ich das Gefühl, alle machen das gerade im Internet“, erzählt sie. „Ich dachte ständig ans Essen.“ Nach einigen Wochen hörte sie auf. „Es hat funktioniert, aber es hat einfach nicht zu meinem Alltag gepasst. Ich glaube, ich hätte es ohne den Hype gar nicht erst ausprobiert“, erzählt sie. 

Was bleibt, ist für sie weniger der konkrete Trend als die Erfahrung daraus. „Online wirkt das alles oft einfach, aber es passt einfach nicht zu jedem Alltag“, sagt Lilly. 

Und was kommt als nächstes?

Gruber sieht bereits einen Wandel: „Weniger Verzicht, mehr Selbstfürsorge. Ganzheitliche Ansätze, die Ernährung, Bewegung, Schlaf und mentale Gesundheit verbinden, haben langfristig die besten Chancen.“ Auch Themen wie personalisierte Ernährung, Darmgesundheit und ein sogenannter „Longevity“-Lifestyle, also Ernährung für gesundes Altern, rücken dabei stärker in den Fokus. Entscheidend sei nicht der nächste kurzfristige Trend, sondern eine Ernährungsweise, die individuell passt und sich im Alltag umsetzen lässt.

Was bleibt, ist daher selten der Trend selbst. Oft ist es eher die Erfahrung, ihn ausprobiert zu haben oder ein wachsendes Bewusstsein dafür, was dem eigenen Körper tatsächlich guttut. Vielleicht bleibt am Ende vor allem die Erkenntnis: Was online einfach wirkt, ist im Alltag oft deutlich schwerer umzusetzen.


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