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Stillstand als Geschäftsmodell

Sie stehen an den Touristen-Hotspots, als Blickfang und Foto-Objekt, mit einem Gefäß für Spenden zu ihren Füßen. Aber zahlt sich das für die lebenden Statuen aus? Und wie geht es ihnen dabei eigentlich?
Emilia Tilzer  •  11. Mai 2026 Volontärin    Sterne  36
Charles arbeitet seit mehr als zehn Jahren als lebende Statue. (Foto: Emilia Tilzer)
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Touristen-Gedrängel vor dem Wiener Schloss Schönbrunn. Charles strahlt. Je mehr Menschen sein goldenes Kostüm bewundern, desto mehr Geld landet in seinem Hut. Hin und wieder stellt sich jemand neben ihn, um ein Selfie zu schießen. Sein Kostüm ist eindrucksvoll. Charles ist eine lebende Statue. 

Anstrengender Alltag 

Eigentlich wollte Charles Schauspieler werden. Jetzt tritt der Straßenkünstler seit mehr als zehn Jahren vor Wiens Sightseeing-Destination Nummer 1 auf. Tag für Tag steht er in goldenem Outfit auf seinem kleinen Podest. Viel Geld ist es nicht, das in seinem Hut landet. Früher war der Job einfacher.  

„Generell ist es ein anstrengender Job“, sagt Charles. Wer schon einmal lange in derselben Position verharrt hat, weiß, wie schnell das unbequem wird. Egal, ob stehend oder sitzend. Den Künstlern geht es nicht anders. Um stundenlang in derselben Position bleiben zu können, haben manche ein Stützsystem in ihr Kostüm integriert. So können sie etwas entspannen. Wer genau hinsieht, bemerkt den Teppich, auf dem viele Künstler stehen. Er bedeckt meist eine Metallplatte. Von dort aus führt, oft in einem Hosenbein versteckt, eine Metallstange zur Stützstruktur nach oben.  

Einschränkungen und Unsicherheit 

Ein Auftritt ist in Wien nur mit Platzkarte erlaubt. Einige Regeln bestimmen die Darbietung. Die Identität des Künstlers muss erkennbar sein. Das Mindestalter beträgt 16 Jahre. Zu laute Musik ist verboten. Außerdem darf der Darsteller keine Tiere, kein Feuer und keine Waffen für seine Performance verwenden. Die Platzkarte kostet 6,54 Euro pro Monat und gilt für mehrere Auftritte. 

Das Einkommen hängt stark vom jeweiligen Tag ab. Auch auf die Jahreszeit kommt es an. Ein Künstler beschreibt ein durchschnittliches Gehalt von 8,50 Euro die Stunde. An manchen Tagen ist es mehr. Manchmal deutlich weniger. Finanzielle Sicherheit haben die Künstler nie. Charles fällt es schwer, sein Leben zu finanzieren. Allein sein Kostüm hat zweitausend Euro gekostet. 

Lebendigen Statuen sind aber nicht nur in Fußgängerzonen unterwegs. Veranstalter buchen sie für öffentliche Feste und Events, weshalb viele von ihnen bei Eventagenturen an Bord sind.

Eine Stunde schminken

Auch Morris arbeitet als lebende Statue. Er hat seine Karriere als Zirkusartist begonnen. Später übernahm er Eventbühne, eine Künstlervermittlung und Eventagentur. Die Nachfrage nach lebenden Statuen war groß. Er entschied sich, selbst in diesem Bereich aktiv zu werden. 

Ein Auftritt erfordert intensive Vorbereitung: Make-up und Ankleiden können bis zu einer Stunde dauern. Morris hat viele unterschiedliche Kostüme. Besonders beliebt ist seine Verkleidung als goldener Pfau. 

Die Einsätze hängen stark von Standort, Jahreszeit und Anlass ab. Ein Auftritt dauert zwischen ein und vier Stunden. Professionelle Künstler verdienen dabei je nach Einsatz 150 bis 600 Euro. Buchungen kommen von Tourismusverbänden oder Firmen. Morris und sein Team treten bei Straßenfesten, Kampagnen oder Eröffnungen auf. Insgesamt erhält sein Unternehmen zehn bis zwanzig Aufträge für lebende Statuen pro Jahr.  

Eine lange Tradition 

Die Tradition der lebenden Statuen entstand in den Theatern der antiken Römer und Griechen. Im Mittelalter verkleideten sich Schauspieler als Statuen, um biblische Szenen nachzustellen. Das Tableau vivant war eine Gruppe lebender Statuen, eine lebende Bildszene. Sie galt als fester Bestandteil von Festlichkeiten im Mittelalter und der Renaissance. 

Das englische Gesetz verbot Nacktheit auf der Bühne, es sei denn, die Darsteller blieben bei geöffnetem Vorhang regungslos. Künstler nutzten diese Ausnahme. Anfang des 20. Jahrhunderts schufen sie plastische Darstellungen. Dabei stand oft die Abbildung des nackten Körpers im Mittelpunkt. Solche Darstellungen trugen dazu bei, die Tradition lebender Statuen bis heute zu erhalten. 

Zurück in Schönbrunn. Der Tag neigt sich dem Ende zu. Die Touristen werden weniger. Charles steigt von seinem Podest und macht sich erschöpft auf den Heimweg. Morgen soll das Wetter schlechter sein. Die Touristen bleiben an solchen Tagen seltener stehen. Charles macht trotzdem weiter. „Ich mag es, das mir hier niemand etwas vorschreibt. Meine Arbeit ist anstrengend, aber sie macht mich unabhängig.“

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