So ganz ist er nie aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden: Ex-FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache, dessen politisches Debakel auch mit persönlichen wirtschaftlichen Problemen einhergeht. Nun taucht der Mann einmal mehr auf, mit einem Plan, der sich logisch aus seiner Vorgeschichte zu ergeben scheint. Er will nun seine unter Schmerzen gemachten Erfahrungen im Rahmen von sündteuren Achtsamkeitscoachings an Führungskräfte weitergeben. Im Geiste flankieren ihn dabei Männer wie Dieter Bohlen und Thomas Gottschalk, die versuchen, ihrer längst eingetretenen gesellschaftlichen Bedeutungslosigkeit zu entkommen.
Wer sich HC nicht mit geschlossenen Augen im Yoga–Schneidersitz, begleitet von meditativen „Ohmmm“-Summen vorstellen kann, sollte sich selbst einen Eindruck verschaffen. Zum reduzierten Preis von 1.190 statt 1.450 Euro können Interessenten einen der zwölf Plätze im siebenstündigen Seminar am 16. Mai in der Nähe der Burg Liechtenstein in Mödling buchen. Am 30. Mai gibt es die verkürzte vierstündige Version für 749 Euro, in der es um Kommunikation in Drucksituationen geht. Die Frage ist bloß: Funktioniert Strache als Buddha for rent, braucht die Welt seine Weisheit und bezahlt sie sogar gutes Geld dafür?
Zur Erinnerung: Der Ibiza-Skandal 2019: Strache und Johann Gudenus zu sehen in heimlich aufgenommenen Videos einer russischen Oligarchennichte gegenüber und fantasiert über politische Gefälligkeiten, illegale Parteispenden, Staatsaufträge und mögliche Einflussnahmen auf die Kronen Zeitung. Strache trat im Mai 2019 von seinen Ämtern als Vizekanzler, Bundesminister und FPÖ-Bundes- und Landespartei-Obmann zurück und die Türkis-Blaue Koalition implodierte. Am 1. Oktober 2019 kündigte er seinen vollständigen Rückzug an und ließ seine Mitgliedschaft in der FPÖ ruhen. Sein letztes politisches Aufbäumen, die Gründung der Partei „Team HC Strache“ scheiterte an der Fünf-Prozent-Hürde und dem verpassten Einzug in den Wiener Landtag sowie Gemeinderat. Im Mai 2025 landete er als Bezirksrat in Floridsdorf, wo ihm bei der Bezirksvertretungswahl der Einzug mit einem Mandat gelang. Ein nicht wirklich glamouröser Posten für einen ehemaligen Vizekanzler, aber Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Im Fall Strache offenbar mit besonders steilem Gefälle.
Auf seiner neuen, auf Hochglanz polierten Website beschreibt sich Strache unter anderem als Kolumnist, Analyst, Blogger und Patriot, der keine akademischen Theorien, sondern „konzentrierte Erfahrung aus Jahrzehnten realer Führung und Verantwortung“, teilt. Besonders unterhaltsam: Strache in einem Kurzvideo mit dramatisch untermalender klassischer Musik, geschmückt mit linguistisch ausgeklügelten Phrasen wie: „Das ist kein 0815 Seminar und blabla, wie du es im Internet siehst“ und „Das Seminar richtet sich an Menschen, die bereit sind, sich selbst zu begegnen.“
Der Tag ist in fünf Etappen eingeteilt. Vormittags steht ein von Strache geführtes, Vertiefungsseminar an, in dem es um Klarheit im Kopf, Techniken zur Selbstregulation und praktische Resilienz geht, ebenso um souveränes Handeln unter maximaler Intensität sowie darum, Verantwortung zu übernehmen, ohne „weichgespült“ zu wirken. Gerichtet ist das Seminar an überarbeitete Unternehmer, Führungskräfte und Entscheider, die nach außen hin alles im Griff haben, aber innerlich eine „Glasdecke“ spüren, die sie beim nächsten Wachstumsschritt bremst, sowie an diejenigen, die unter hoher Intensität souverän bleiben wollen und nach einem klaren Rahmen suchen, um „die eigene Wirksamkeit zu verdoppeln.“
Beim Formulieren dieser Ziele hat Strache wohl in seine tiefenpsychologische Wunschkiste gegriffen, denn fast schon im Sinne Sigmund Freuds lässt sich hier das klassische Zusammenspiel von Projektion und Externalisierung erkennen, bei dem unbequeme Selbstanteile wie Selbstzweifel auf andere ausgelagert werden, um sie selbst nicht konfrontieren zu müssen. Der Effekt ist entsprechend absurd: als würde jemand, der ein Musterbeispiel für verlorene Wirksamkeit ist, anderen einen Masterplan gegen genau dieses Phänomen verkaufen können.
Im Anschluss gibt es ein gemeinsames Mittagessen, das im Preis inkludiert ist, nachmittags vermittelt ein Mediziner und Coach die „Wechselwirkung von Psyche und Körper.“ Den Abschluss bilden Achtsamkeits- und Meditationsübungen für mehr Ruhe, innere Klarheit und Selbstverbindung, die die Teilnehmer, nach seichtem Coachinggeschwafel, vermutlich vergleichbar mit den Best-of-Sprüchen des Selbstliebekalenders aus der Bahnhofsbuchhandlung, sicher bitter nötig haben. Das Sahnehäubchen ist ein persönliches Ausklingen mit einem dann wahrscheinlich tiefenentspannten Strache, vorausgesetzt er hat seine Achtsamkeitsübungen ordnungsgemäß absolviert.
Strafrechtsexpertin Sylvia Freygner hält zusätzlich eine Keynote mit dem Titel „6 Grade der Freiheit – radikale Resilienz aus Sicht einer Strafrechtsexpertin“. Freygner wirbt auf ihrer Website mit Unterstützung für Unternehmer in rechtlich, wirtschaftlich und medial herausfordernden Situationen, bei dem sie „juristische Präzision mit strategischer Krisen- und Konfliktführung“ verbindet. Ob Strache einmal selbst Freygners juristische Dienste in Anspruch genommen hat (etwa zu Ibiza-Zeiten), lässt sich zwar nicht nachweisen, erscheint aber zumindest nicht völlig abwegig.
Mit großem Ansturm ist eher nicht zu rechnen. Schon allein deshalb nicht, weil den Teilnehmern beim Versuch der Begegnung mit sich selbst hier womöglich die unangenehme Nebenwirkung droht, ausgerechnet dem H. C. Strache in sich zu begegnen und das ist zweifellos nur begrenzt empfehlenswert.
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