Auf der Gumpendorferstraße bleibe ich bei der Hausnummer 68 stehen und addiere eine Eins. Dahinter räkelt sich das Last Little Haven von Teresa Fischer, Bettina Woess, Anna Heinemann und Marie Zahir. Miezen aus Porzellan dösen auf der Fensterbank, Wein vom Female Wine Collective fließt an der Bar und zwischen nackten Wänden verdichtet sich etwas, das hier bewusst gepflegt wird: Queere Souvenirs. Ich stehe hinter der Bar und schenke Bier aus. Immer wieder blitzt Teresas Analogkamera auf, eine Nachbarin bringt selbstgeschmierte Brote vorbei und im Raum bewegen sich FLINTA*s und Allies zwischen Bühne, Tresen und Gesprächen, die sich ineinanderschieben. Heute Abend findet das „Miniconcert #01: Lesbenpop mit Freulein Potmesil“ statt.
Die, von Teresa Fischer als Szene-Urgestein bezeichnete, Freulein Potmesil ist an diesem Abend mehr als nur Musikerin. Sie steht für eine Generation lesbischer Kunstschaffender, deren Erfahrungen lange unsichtbar geblieben sind und die heute erneut um Raum, Sichtbarkeit und Anschluss ringen. In der queeren Elektropopband POP:SCH schreibt und singt die 52-jährige Wienerin mit Trash-Attitüde über Haarfetisch und queere Liebesromanzen die scheitern.
campus a: Freulein Potmesil, du warst heute Abend mit deiner Erscheinung, Gitarre und Stimme auf der Bühne. Wie sah dein erstes Kennenlernen mit Lesbenpop aus?
Freulein Potmesil: Mein erstes Lied habe ich geschrieben, nachdem ich auf einem Christiane-Rösinger-Konzert mit Tokotronic war im Flex, damals das Soft Egg Café. Sie ist für mich die Göttin der Texte und ich wollte es ihr gleichmachen. Meine Musik klingt jetzt zwar nicht so wie ihre, aber sie ist auch leicht schräg mit leichten Akkorden. Frustriert, selbstironisch und depressiv. Das taugt mir auch, das bin ich auch.
campus a: Als du auf der Bühne erschienen bist, hast du ein Verwandlungsritual aufgeführt. Was steht hinter diesem Übergang von Andrea zu Freulein Potmesil?
Freulein Potmesil: Ich wollte vor diesem intimen Publikum mit offenen Karten spielen. Das sonst versteckte Auflegen der Maske habe ich auf die Bühne gebracht, indem ich mir mein Kleid überwarf und den Lippenstift einfach blind hinaufschmierte. Der Schein ist rein, und ich wollte ihn dekonstruieren.
campus a: Auf der Bühne hast du mit dem Lied „Lesbische Frauen“ von POP:SCH das Wort zig mal erklingen lassen, warum war dir die Terminologiepräsenz wichtig?
Freulein Potmesil: Als ich ein Kind war, hat man mir gesagt, ich sei ein verrotzter Buar, weil ich nicht so weiblich ausgesehen habe. Das Wort „lesbisch“ hatte zu meiner Zeit noch etwas schiaches, was schockierendes an sich. Urkomisch eigentlich, weil das Wort seinen Ursprung auf der ostägäischen Insel Lesbos hat, wo Sappho geboren ist. Dort ist alles lesbisch: das Öl, der Sand, selbst die Tomaten.
Die antike griechische Dichterin Sappho, die im sechsten Jahrhundert vor Christus lebte, besang in ihren Gedichten die Liebe zwischen Frauen. (Foto: Lena Funke)
campus a: Du kamst an die Bar, wo ich dir ein Bier gereicht habe. Welche Arten von Begegnung ermöglicht das Last Little Haven für dich?
Freulein Potmesil: Als ich jung war, habe ich oft gedacht: „Oh Gott, hoffentlich bin ich nicht mal die alte Lesbe, die so allein im Eck sitzt“. Ich sehe einen Konflikt zwischen den Generationen, einen komischen Spalt. Gendered Ageism. Wir wollen das nicht mehr tun. Das Last Little Haven ist deswegen ein Geschenk an unsere Wiener Szene.
Freulein Potmesil blickt mich durch ihre dicke Brille an. In ihrer rechten Hand bemüht sich ein Bier und ihre linke Hand ruht auf meinem Brustkorb.
Was nachts wie ein stimmiger Zufall wirken mag, ist Ergebnis jahrelanger Recherche, Sammlung und Rekonstruktion lesbischer Barkultur. Teresa Fischer und ich sitzen auf dem Sofa im verschlafenen Last Little Haven. Sie ist Gründerin der Sapphic Art Bar sowie von Sappho’s Daughters, eine der größten Sammlungen lesbischer Amateurfotografie und historischer Artefakte aus lesbischen Bars. An der Bauhaus-Universität Weimar arbeitet sie am Ph.D. in Practice zu „Femme Erasure from the 1920s until the 1950s: queering the lesbian amateur photography archive“.
Die Sammlerin vor der Selektion aus den (B)Archiven, die die lesbische Barkultur vom frühen 20. Jahrhundert bis in die 1990er Jahre als historisch verortete, aber miteinander verwobene soziale Räume betrachtet. (Foto: Lena Funke)
campus a: Deine Arbeit kreist stark ums Sammeln, Archivieren und Neuinterpretieren. Was hat sie mit der Idee, Geschichte räumlich erfahrbar zu machen, zu tun?
Teresa Fischer: Ich habe an der Bauhaus-Universität Weimar freie Kunst mit Schwerpunkt auf Textil und Fotografie studiert. Meine Professorin Christine Hill hat mit Reenactments gearbeitet, etwa mit dem Nachbau von Apothekenräumen in Galerien.
2020 habe ich auf eBay mein erstes Matchbook gekauft, von Mona’s 440 aus den 1930ern in San Francisco, mit einer Cross-Dressing-Frau auf dem Cover. Ab da war ich vollkommen besessen vom Sammeln von Barobjekten. Ich habe entdeckt, welche Bars es gab und welche verschwunden sind. In Archiven wie Spinnboden – Lesbenarchiv und Bibliothek e. V. und Lesbian Herstory Archives fehlen oft Materialien aus den 20er-, 30er- oder 50er-Jahren, weil Dokumentation zu riskant und zu teuer war.
campus a: Gibt es ein Objekt, das sapphische Geschichte für dich besonders verdichtet?
Teresa Fischer: Die Streichhölzer. Zum Beispiel von The Flame, einer großen lesbischen Disco in den USA der 80er- und 90er-Jahre. Sie haben überlebt, weil Menschen sie eingesteckt, aufbewahrt und weitergegeben haben.
campus a: Kleine, aber dichte historische Zeugnisse. Was bedeutet es für dich, diese Sammlung nicht privat zu halten, sondern öffentlich zugänglich zu machen?
Teresa Fischer: Alles. Ein Archiv muss vermitteln, zugänglich und aktiv sein. Es muss historische Zusammenhänge sichtbar machen. Ein Objekt trifft einen voll, wenn man es mit seiner Aura sieht. Wenn wir diese Überbleibsel nicht zeigen, dann verursachen wir Auslöschung innerhalb der Community selbst.
campus a: Wann wurde aus deiner sammelnden Recherche durch die Community der Ort, wo wir gerade sind?
Teresa Fischer: Wir haben den Verein Last Little Haven – Verein für queere Geschichte, Kunst und Kultur gegründet und sind mitten im Winter mit einer Flasche Sekt losgezogen, um Räume zu suchen. In tiefer Verzweiflung sind wir auf Frau Cerny gestoßen, die ihr Juweliergeschäft abgeben wollte. Wir wussten sofort, dass es der Raum für uns ist. Bei der Alternative Pride sind immer mehr Menschen vorbeigekommen und haben mit angepackt.
campus a: Das Last Little Haven wirkt auf mich, trotz der Neueröffnung, wie ein Ort mit Vergangenheit. Wie habt ihr euch architektonisch einer fiktiven Rekonstruktion genähert, die gleichzeitig historisch sensibel und zeitgenössisch sein will?
Teresa Fischer: Wir verstehen uns als transformationsfähiger, partizipativer und kooperativer Ausstellungsraum. Die Bar soll wirken, als hätte sie seit den 1920er- oder 30er-Jahren existiert. Der Vorderraum ist inspiriert von Dyke-Stehbars in Berlin, kombiniert mit altkitschigen Wiener Kaffeehausästhetik. Im Hinterraum, wo früher die homoerotische Interaktion passierte, steht eine originale Kaffeehaus-Lampe aus den 1920ern. Das Rotlicht auf der Toilette referenziert Bars im preiswerten Rotlichtmilieu und Toiletten als Cruising-Spaces. Viele lesbische Bars konnten sich Renovierungen nicht leisten, auch das ist Teil der Geschichte, auf die wir verweisen.
Die Schmuck- und Dekowand ist mit einer originalen 50er-Jahre-Malerrolle verziert, eine Referenz an die 1912 in Kreuzberg gegründete Ellis Bierbar. (Foto: Lena Funke)
campus a: Der Name Last Little Haven wirkt hoffend und wehmütig zugleich. Warum sind gerade diese Häfen der Community an sich und aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden?
Teresa Fischer: Die Bars waren Zufluchtsorte, um Familie zu finden. Je mehr Rechte, desto weniger der Kampf ums Überleben. Niemand weiß wirklich, wie es war in so eine Bar reinzukommen, weil diese Räume kaum dokumentiert wurden. Vieles existiert nur als orale Geschichte, zum Beispiel von Lilian Federmann. In diesen Bars haben sich Kultur, Mode und soziale Praktiken entwickelt, die mit dem Verschwinden der Orte ebenfalls verloren gingen. Mairead Sullivan spricht in Lesbian Death: Desire and Danger Between Feminist and Queer (2022) darüber, wie auch das Ablegen der Terminologie dazu geführt hat, dass mehr Spaces wieder verschwunden sind.
campus a: Vom 13.12.2025-17.01.2026 hat Sophia Süßmilch mit „EVERY WOMAN IS A LESBIAN AT HEART“ bei euch historische Strategien des Widerstands hinterfragt. Welcher Kunst bietet das Last Little Haven Raum?
Teresa Fischer: Wir wollen durch Soloausstellungen eine andere Art von Sichtbarkeit bieten. Jede Person ist queer aus Prinzip und für viele Artists ist es hier die erste Chance, mal wirklich gesehen zu werden. Sophia Süßmilch hat etwa eine BDSM-Medaille gezeigt, ein Objekt, das in der lesbischen Subkultur stark mit Fürsorge verbunden ist. Vieles davon wurde später von schwulen cis-männlichen Kontexten vereinnahmt. Als lesbische, weiblich gelesene Person bist du mindestens doppelt marginalisiert, während schwule cis-weiße Männer oft ein Passing im Patriarchat haben.
campus a: Inwiefern versteht ihr euren Hafen als Gegenentwurf zu einer oft cis-männlich und heteronormativ dominierten Erinnerungskultur?
Teresa Fischer: Die lesbische Bar ist eine Praxis. Wir wollen Lücken schließen und alternative Geschichtsschreibungen ermöglichen, aber auch den Raum halten. Am Anfang habe ich mich gefragt, wieviel Wirkung eine Bar wirklich haben kann. Dann kamen Menschen und wollten Archive sehen, Literatur empfohlen bekommen. Die Szene trägt generationsübergreifend viel queeren Schmerz und queere Wut in sich. Dieser Ort ermöglicht, sich damit auseinanderzusetzen und die Kultur durch Fürsorge wegbereitend mitzuformen.
campus a: Was soll bleiben, wenn man das Last Little Haven nach einem Abend wie gestern wieder verlässt?
Teresa Fischer: Jetzt in harten Zeiten finden wir alle hier Verwandtschaft. Das Wichtigste ist, dass Leute realisieren, dass die Community da ist und sie den Raum für sich haben. Wir sind alle wie Familie und man kommt immer zusammen.
Als ich vor der benachbarten queeren Bar Marea Alta stehe, merke ich den hinterlassenen Abdruck des Hafens. Stimmen in den Wänden, Fingerabdrücke auf dem Tresen, Geschichten, die nicht archiviert werden können, weil sie im Körper, in Gesprächen und auf der Bühne weitergetragen werden. Lesbische Barkultur war nie nur Ort, sondern Praxis, um sich zu zeigen, sich zu schützen, gemeinsam zu bleiben. Ein Ort, an dem Geschichte nicht festgenagelt, sondern von den Menschen, die bleiben und sich begegnen, weitergeschrieben wird. Es hält den Raum offen für die, die kommen, und für jene, die längst hätten da sein sollen.
Im @last_little_haven, vorraussichtlich geöffnet bis Juni 2026, mit Freulein Potmesil von POP:SCH, Teresa Fischer und ihren Sappho’s Daughters.
Literaturempfehlungen:
Hacker, Hanna. Frauen und Freundinnen: Studien zur „weiblichen Homosexualität“ am Beispiel Österreich 1870–1938. Beltz, 1987.
Sullivan, Mairead. Lesbian Death: Desire and Danger between Feminist and Queer. University of Minnesota Press, 2022.
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