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Leben mit der Abnehmspritze: „Man muss das Essen neu lernen“

Vanessa Sulak nimmt die Abnehmspritze Mounjaro und tausende Instagram-Follower sehen ihr jeden Tag bei ihrer „Abnehmreise“ zu. Influencer auf social media prägen das Körperbild ihrer Follower, auch minderjähriger. Weil Sulak neben Sport und Ernährungsumstellung auch auf die Abnehmspritze setzt, werden ihre Beiträge kontrovers diskutiert. Wie funktioniert das Medikament? Und wie kann sie mit dem sensiblen Thema verantwortungsvoll umgehen?
Julia Höllhuemer  •  19. Mai 2026 Volontärin    Sterne  30
Vanessa Sulak sieht die Abnehmspritze als Unterstützung, nicht als Wundermittel. (Foto: privat)
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„Ich habe eine blaue Weste an“ schreibt Vanessa Sulak kurz vor der vereinbarten Uhrzeit über Instagram. Von einem Tisch direkt am Eingang winkt sie lachend. „Ich dachte ich setze mich herein. Sieht nach Regen aus draußen.“ Sulak hat für das Interview nicht viel Zeit. Bevor sie gleich zum Sport geht, schlägt die 32-Jährige das Café Josephbrot an der Landstraßer Hauptstraße vor, um sich mit campus a zu treffen. Sie hat schon ihre Trainingsklamotten an, wirkt ganz gelassen. Sie sei auch gar nicht nervös gewesen, sagt sie mir später. Über ihre Erfahrungen mit der Abnehmspritze Mounjaro rede sie immerhin andauernd: „Das Thema interessiert wirklich jeden.“

Stress verhindert Gewichtsabnahme

„Viele machen ein Geheimnis daraus, wenn sie die Spritze nehmen, das verstehe ich nicht.“, sagt Sulak. Es sei wichtig, andere darüber aufzuklären. Mit ihrem Gewicht sei die Wienerin schon seit vielen Jahren unzufrieden. Sport und gesunde Ernährung alleine hätten ihr auch nicht geholfen: „Sogar im Kaloriendefizit konnte ich einfach nicht abnehmen.“ Im vergangenen Jahr kam dann das Burnout. Sulak ging zur Psychiaterin, sie brauchte Hilfe. Ihre Psychiaterin hatte schließlich die Erklärung für ihr Problem: „Sie hat mir erklärt, wie das Stresshormon Cortisol den Körper daran hindert, Fett zu verlieren.“

Sulak wirkt routiniert vor der Kamera, gelassen im Gespräch. Als Influencerin kennt sie das Equipment, mit dem ich das Interview aufzeichne. Zwischendurch streicht sie sich die Haare über die Schulter, sie will die Tonaufnahme des Mikrofons an ihrem Oberteil nicht stören.

Ihre Ärztin empfahl ihr das Medikament Mounjaro, die Spritzen werden bei Diabetes oder Übergewicht eingesetzt. Zum Abnehmen soll es sogar noch besser wirken als das unter Promis beliebte Ozempic, da es an zwei, statt nur einem Sättigungshormonrezeptor ansetzt. „Ich habe damals 110 Kilo gewogen und das war einfach nicht gesund.“, sagt Sulak. Sie entschied sich also mit der Einnahme von Mounjaro zu starten, da war sie gerade wegen ihres Burnouts krankgeschrieben. Die 32-Jährige wollte die Zeit nutzen, um Gewicht zu verlieren: „Ich dachte mir: Wenn nicht jetzt, wann dann?“

Mangelerscheinungen sind häufige Nebenwirkung

Seit dem 4. Jänner spritzt sie das Medikament einmal pro Woche in den Oberarm, dort wirkt das Medikament am stärksten. Mittlerweile habe sie ungefähr 20 Kilogramm abgenommen. Die Spritzen funktionieren, weil sie das Hungergefühl hemmen.Viele Patienten klagen nach der Einnahme über Nebenwirkungen wie Übelkeit, Durchfall und Bauchschmerzen. „Alles eine Gewohnheitssache.“, sagt Sulak. Man müsse mit Mounjaro das Essen komplett neu lernen: „Ich hatte am Anfang auch ein ungutes Völlegefühl. Mittlerweile weiß ich aber, dass ich jetzt einfach weniger essen kann.“ Wenn sie mit ihrem Partner abends zum Essen verabredet ist, könne sie tagsüber nur kleine Snacks essen, um sich „den Hunger dafür aufzuheben.“ 

Sie gestikuliert mit ihren Händen, während sie über ihre Erfahrungen spricht, versucht es greifbar zu erklären. Dann schaut sie kurz aus dem Fenster auf die Straße, wartet für einen Moment, denkt nach. Für das Sozialleben könne das verminderte Hungergefühl zum Problem werden, auch wenn es das Abnehmen erleichtert. „Ich will dann nicht die sein, die immer Nein sagt.“

Für den Körper ist das eine große Herausforderung. Die Spritze führt oft zu Mangelerscheinungen, die beispielsweise zu Haarausfall. „Wenn ich so wenig esse, nimmt der Körper natürlich auch weniger Nährstoffe auf.“ Das führt häufig zu Eisen- oder Zinkmangel. Ärzte begleiten in der Regel die Einnahme, führen regelmäßig Blutbilder durch. „Ich supplementiere mittlerweile auch viele Nährstoffe in Tablettenform.“, sagt Sulak.

„Das positive Feedback pusht mich noch mehr“

Der schnelle Gewichtsverlust sorgt außerdem dafür, dass viel Muskelmasse in kurzer Zeit verloren geht. Ihr Partner helfe ihr dabei entgegenzuwirken, sagt Sulak. Er sei selbst Personal-Trainer. „Kraftsport ist extrem wichtig, wenn man die Abnehmspritze nimmt.“, sagt sie. „Nur auf die faule Haut legen und keinen Sport zu machen, ist gefährlich.“ 

Parallel zu ihrer „medikamentösen Abnehmreise“, so nennt sie das, startete Sulak dann auch mit Social Media. Auf Instagram zeigt sie sich beim Sport, erzählt von ihren Erfahrungen und teilt gesunde Gerichte. Das Feedback sei bis jetzt zum größten Teil positiv ausgefallen. „Das motiviert und pusht mich natürlich noch mehr.“, sagt sie. Vereinzelt bekäme sie aber auch Kommentare und Nachrichten, die sie direkt, oder Mounjaro kritisieren: „Einer hat mir geschrieben, ich soll mich einfach mehr bewegen, anstatt mich auf die Spritze zu verlassen.“

Sie verdreht die Augen, schmunzelt bei der Erinnerung und zieht ihre Weste aus. Es scheint, diese Kommentare treffen sie nicht persönlich, sie findet sie lächerlich. Sie spricht sehr gerne über alle Erfahrungen, lässt die Fragen nicht an sich ran. Über das ihr Gewicht und ihre Gesundheit zu reden, ist ihr nicht unangenehm.

Abnehmspritze ist „ein total gefährliches Thema“

„Ich wurde auch schon gefragt, ob ich Mounjaro gegen Geld für andere besorgen kann, die kein Rezept haben.“, sagt Sulak. Offensichtlich gibt es einen Schwarzmarkt für die Abnehmspritzen. Die Verantwortung, die man trägt, wenn man öffentlich über seinen Gewichtsverlust spricht, sei hoch: „Darüber mache ich mir andauernd Gedanken. Es ist ein total gefährliches Thema.“

Gerade in Zeiten, in denen der „Skinny-Trend“ die sozialen Medien flutet und sehr dünne Körper zum Ideal macht, müsse man aufpassen. Sulaks Follower sind vor allem Frauen. Fast die Hälfte davon zwischen 25 und 34 Jahre alt, also in ihrem Alter. „Ganz junge Follower habe ich zum Glück kaum.“, sagt Sulak. Dem Risiko, ihnen ein ungesundes Körperbild zu vermitteln, sei sie sich bewusst. Sie will Gesundheit und die Freude am Sport in den Fokus rücken, nicht die Zahl auf der Waage.

Manche kritisieren auch dafür, dass sie für die Abnehmspritze wirbt. Das verstehe sie, sagt Sulak. Viele würden das Medikament ohne ärztlichen Rat missbrauchen und illegal beschaffen wollen. „Einige davon sind nicht einmal übergewichtig und wollen nur schnell ein paar Kilo loswerden.“

Studien deuten auf Jojo-Effekt nach Absetzen der Spritze hin

Für immer möchte sie das Medikament nicht nehmen, sie sehe es eher als „Kickstart“ für ihren Gewichtsverlust. Aber was passiert nach dem Absetzen der Spritze? Bei vielen Betroffenen steigt das Körpergewicht nach dem Absetzen von Mounjaro wieder. Wer die Spritze absetzt, müsse laut Experten damit rechnen, das zuvor verlorene Gewicht wieder zuzunehmen. Wissenschaftliche Studien verbinden den „JoJo-Effekt“ mit dem enthaltenen Wirkstoff Tirzepatid in Verbindung.

Sulak hofft, sie treffe der „JoJo-Effekt“ nicht und ihr Körper gewöhnt sich an den Effekt der Spritze, wenn sie sie irgendwann absetzt: „Wenn ich es zu meiner Routine gemacht habe, mich so zu ernähren, dann sollte es irgendwann egal sein, ob ich die Spritze nehme oder nicht. Das ist zumindest meine Wunschvorstellung.“

„Wollen wir dann zahlen?“, fragt Sulak. Ich schaue auf die Uhr, sie muss gleich los. Sulak trinkt aus, zieht ihre Weste wieder an und bedankt sich für das Gespräch. Sie ist mit ihrer Vespa hier. „Ich fahre jetzt gleich weiter zum Sport. Ich muss noch trainieren.“ Für Sulak ist noch kein Feierabend, ihre Arbeit beginnt erst jetzt.


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