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Zivildienst im Ausland vor dem Aus?

Schulbau in Nigeria, Holocaust-Gedenkstätte in Polen oder Wälder aufforsten in Costa Rica: Jedes Jahr leisten hunderte junge Österreicher ihren Zivildienst im Ausland. Das könnte sich bald ändern. Bundesministerin Claudia Bauer will künftig wieder mehr Zivildiener im Inland einsetzen und Auslandsdienste einschränken. Damit sorgt sie für Kritik.
Julia Ehrensberger  •  14. Mai 2026 Redakteurin    Sterne  754
Die Anrechnung der Freiwilligendienste als Zivildienst sind in den vergangenen Jahren rasant angestiegen, heuer ließen sich 15 mal so viele Zivildiener ihren Auslandsdienst anrechnen, wie noch 2015. (Foto: Pexels)
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 Für Luis Schlager (19) aus Salzburg beginnt ab September ein Lebensabschnitt, dem viele junge Männer in Österreich eher mit Skepsis begegnen: der Wehr- oder Zivildienst. Luis entschied sich jedoch für einen ungewöhnlichen Weg. Statt den Zivildienst bei der Rettung oder in einem Pflegeheim zu absolvieren, will er für ein Jahr nach Litauen. Im Vilna Gaon Museum of Jewish History, einer Gedenkstätte für den Holocaust in Vilnius, wird Luis Museumsführungen leiten und Workshops an Schulen organisieren. „Ich glaube, das wird viel cooler als ein normaler Zivildienst und ich kann viel mehr dabei lernen,“ sagt er gegenüber campus a. 

Auf die Möglichkeit eines Auslandsfreiwilligendienstes, anrechenbar als Zivildienst, wurde er in der Schule aufmerksam. „Wir haben über Alternativen zum Bundesheer und zum klassischen Zivildienst gesprochen, dabei wurde auch der Verein Gedenkdienst vorgestellt“, erzählt Luis. Da ihn Erinnerungskultur ohnehin schon lange beschäftige und interessiere, habe er sich rasch für eine Bewerbung entschieden. „Außerdem wollte ich ohnehin ins Ausland gehen, deshalb hat das perfekt gepasst.“ Gemeinsam mit ihm absolvieren heuer 18 junge Österreicher ihren Zivildienst über den Verein Gedenkdienst, der die Auslandsdienste an Holocaustgedenkstätten organsiert, sagt Luis.

Angebot steht grundsätzlich jedem offen

Auslandsdienste führen junge Österreicher aber nicht nur an Holocaust-Gedenkstätten, sondern auch in soziale Einrichtungen sowie in Friedens- und Entwicklungsprojekte in zahlreichen Ländern weltweit, von Argentinien bis Uruguay, über Europa, Afrika, Asien und Nordamerika. Dabei geht es um Mitarbeit in Kinderdörfern in Nigeria oder bei der Hiroshima Friedens-Kulturstiftung in Japan. Alles ist dabei. Ab einer Dauer von zehn Monaten ist ein solcher Einsatz als Ersatz für den Zivildienst anrechenbar. Das Angebot steht unabhängig von Geschlecht oder Zivildienstpflicht grundsätzlich allen offen. Vorwiegend bewerben sich aber junge Männer. Den Auslandsdienst können sie bereits vor der Abgabe der Zivildiensterklärung beginnen. Wichtig ist nur die Zivildienstserviceagentur rechtzeitig darüber zu informieren und die Erklärung fristgerecht einzureichen. 

Bereiche sollen Beitrag zur zivilen Landesverteidigung leisten

Das soll sich aber bald ändern. In Zukunft soll nicht nur eine Verlängerung des Wehrdienstes anstehen, sondern auch Anpassungen am Zivildienst. Der soll „einen Beitrag zur zivilen Landesverteidigung im Inland leisten,“ so Claudia Bauer, Bundesministerin für Europa, Integration und Familie gegenüber campus a. „Daher soll aus meiner Sicht eine solche Anrechnung künftig nicht mehr ermöglicht werden.“

Einsätze im Ausland, also etwa Kinder- und Jugendbetreuung in Indien, Wiederaufforstungsprojekte in Costa Rica oder eine freiwillige Tätigkeit in internationalen Umwelt-NGOs sollen in Zukunft nicht mehr anrechenbar sein. Explizit ausgenommen sei der Gedenkdienst, „also wenn junge Burschen ihren Zivildienst an Holocaust-Gedenkstätten zum Beispiel in Israel absolvieren,“ so Bauer. Laut Bauer würden diese Männer genau dort fehlen, wo Österreich sie am dringendsten brauchen würde, etwa bei der Blaulichtorganisation, der Pflege oder der Alten- und Kinderbetreuung. 

Nach aktuellem Stand verrichteten 2025 663 junge Männer den Zivildienst im Ausland, wobei die Anrechungsprozesse noch nicht vollständig abgeschlossen seien, heißt es aus dem Ministerium auf Anfrage von campus a. Von den 663 Anrechnungen haben 401 ein Freiwilliges soziales Jahr, 78 ein Umweltschutzjahr und 184 Auslandsdienste absolviert. Die Anrechnung solcher Freiwilligendienste seien in den vergangenen Jahren rasant angestiegen, heuer ließen sich 15 mal so viele Zivildiener ihren Auslandsdienst anrechnen, wie noch 2015. 2025 war der Bedarf der Zivildiensteinrichtungen in Österreich zu 89,7 Prozent mit insgesamt 14.884 Zivildienern gedeckt. Hätten die 663 Anrechnungen ihren Dienst regulär im Inland geleistet, wäre eine Bedarfsdeckung von knapp 94 Prozent möglich gewesen.

„Die Anrechnung als Zivildienst soll künftig nicht mehr möglich sein“ 

„Zivildienstpflichtige, die einen Freiwilligendienst von mindestens zehn Monaten absolviert haben und darüber eine Bestätigung bei der Zivildienstserviceagentur vorweisen, werden aktuell nicht mehr zum Zivildienst herangezogen,“ so das Ministerium weiter. Als Freiwilligendienst zähle ein Freiwilliges Sozialjahr, ein Freiwilliges Umweltschutzjahr, ein Gedenkdienst, Friedens- oder Sozialdienst im Ausland oder ein Entwicklungshilfedienst mit einer Mindestdauer von zwei Jahren. Diese Freiwilligendienste sollen weiterhin möglich sein, „einzig die Anrechnung als Zivildienst soll künftig nicht mehr möglich sein,“ so Bauer gegenüber campus a.

„Ich finde es großartig, wenn sich Menschen ehrenamtlich engagieren. Wir dürfen nur die Systeme nicht vermischen. Wehr- und Wehrersatzdienst auf der einen Seite, als Pflichtdienste, als Dienste zur Stärkung der militärischen und zivilen Resilienz, und ehrenamtliche Tätigkeiten auf der anderen Seite“, so Bauer.

Die angekündigten Pläne von Bauer sieht Luis Schlager kritisch, obwohl er selbst davon nicht betroffen ist. „Ich finde das unfair gegenüber allen, die ihren Zivildienst gerne im Ausland machen möchten“, sagt er. „Und letztlich auch sinnbefreit, weil die geringe Zahl an Zivildienern, die dadurch in Österreich fehlt, keinen großen Unterschied macht.“

NEOS hält Maßnahme für symbolisch 

NEOS-Sozialsprecher Johannes Gasser hält Auslandsfreiwilligendienste für grundsätzlich „sinnvoll und gesellschaftlich wertvoll“. Aufgrund des demografischen Wandels in den kommenden Jahren, sei die Angst, es gäbe in Zukunft weniger Zivildiener in öffentlichen 

Einrichtungen, zwar begründet. „Dieses Problem durch Einschränkungen der Auslandsdienste lösen zu wollen, wäre kein großer Wurf, da deren Anteil am gesamten Zivildienst vergleichsweise gering ist,“ so Gasser gegenüber campus a.

Statt sich auf „symbolische Maßnahmen zu verengen“, wollen die NEOS eher darauf abzielen, den Zivildienst attraktiver zu gestalten, um ihn langfristig abzusichern. Damit soll der Zivildienst gezielter seinen vielfältigen Beiträgen, „von der zivilen Landesverteidigung, über den gesellschaftlichen Zusammenhalt, bis hin zur internationalen Kooperation,“ gerecht werden.

Konkrete Gesetzesentwürfe seien laut Gasser noch nicht in Planung, bisher habe die Heereskomission empfohlen, den Zivildienst „im Rahmen einer Reform des Grundwehrdienstes wieder stärker auf die zivile Landesverteidigung auszurichten.“ Wie eine solche Neuausrichtung konkret aussehen könnte, sei derzeit noch offen. 

SPÖ sieht Einschränkungen kritisch

Aus dem SPÖ-Parlamentsklub heißt es: „Wir setzen uns in den Gesprächen dafür ein, die Rechte von Zivildienstleistenden und die zivile Resilienz in Österreich zu stärken.“ Auslandsfreiwilligendienste würden wie der Zivildienst zum sozialen Engagement und zur persönlichen Bildung junger Menschen beitragen.

Etwaige Einschränkungen sieht die SPÖ kritisch. „Unser Zugang ist: Wenn Personalmangel im Inland besteht, sollten primär die Menschen eingebunden werden, die sich jetzt schon im Land befinden, aber keine österreichische Staatsbürgerschaft besitzen.“ Hier verschenke die Republik viel Potential von jungen Menschen, die in vielen Fällen auch als Staatsbürger einen Beitrag für Österreich leisten wollen würden, so ein Sprecher.

Zivildienstgehalt nicht inkludiert

Das Sozialministerium unterstützt die neun anerkannten Trägerorganisationen für Auslandsdienste jährlich mit rund drei Millionen Euro oder 950 Euro pro Person. Die Organisationen zahlen den Entsandten, abhängig von den Lebenshaltungskosten im jeweiligen Einsatzland, unterschiedlich hohe Beträge für Reise-, Versicherungs- und Aufenthaltskosten aus.

Zusätzlich erhalten viele Auslandsdiener weitere Förderungen, etwa vom Nationalfonds oder anderen Vereinen. Bis zum 24. Lebensjahr bleibt außerdem die Familienbeihilfe bestehen. Ein reguläres Zivildienstgehalt bekommen sie allerdings nicht. Die Kosten für Reise, Unterkunft und Verpflegung tragen Auslandsdiener in der Regel selbst.

Der Ausbildungsplatz dieser Autorin in der campus a Akademie für Journalismus ist ermöglicht mit freundlicher Unterstützung durch Deichmann.
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